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Buchtipp

Buchtipps von Jorgos Flambouraris

City-Buchhandlung
Marktstrasse 1
41539 Dormagen

Tel.: 0 21 33 - 47 00 14

www.citybuch.net

 

Schiffbruch mit Tiger

Yann Martel

 

Wer Piscine Molitor Patel benannt wird - so heißt ein Schwimmbad in Paris - der kann sich während seiner Kindheit mit Sicherheit auf genug Hänseleien gefasst machen. Aber Pi`s Kindheit war sehr glücklich und mit Sicherheit aufregender als die so mancher Klassenkameraden. Schließlich gehörte seinen Eltern der Zoo von Pondicherry. Seine Haustiere waren etwas größer als die seiner Klassenkameraden.

Aber auch seine Freizeitbeschäftigung wich deutlich von der anderer Jungen ab - im Laufe der Zeit war aus Pi nämlich sowohl ein eifriger Hindu als auch gläubiger Christ und bekennender Moslem geworden; und so sehr ihn die Priester und seine Eltern auch davon zu überzeugen versuchten, dass er sich doch für eine Religion entscheiden müsse, er blieb dabei - für ihn war es nur jeweils eine verschiedene Art, ein und dasselbe Göttliche zu betrachten.

Eine Denkfigur, die Kant nachempfunden scheint, der in der "Kritik der reinen Vernunft" bewiesen hatte, dass es keinen Gott gibt, um ihn dann in der "Kritik der praktischen Vernunft" wieder einzuführen, weil es manchmal nicht schadet, einen zu haben. Es ist der Gott des globalisierten, verzweifelten, 21. Jahrhunderts, welches auf einen Schiffbruch zusteuert. Es ist der Gott einer Patchwork-Religion, wie sie der Held dieser unglaublichen Geschichte aus Christentum, Islam und Hinduismus zusammenbastelt: Ein Identifikationsangebot an die Gutwilligen der ganzen Welt, ein metaphysischer Werbetrick - allerdings für ein exzellent erzähltes Stück Unterhaltungsliteratur. Der Held, der die religiöse Quadratur des Kreises hinbekommt, mag seinen Spitznamen Pi, weil er seinen Vornamen Piscine nicht so gern hört.

Das glückliche Zooleben hatte ein Ende, wegen der veränderten politischen Verhältnisse; seine Eltern entschieden sich, nach Kanada auszuwandern. Und einige der Tiere sollten sie dann auch begleiten, um sie an diverse Zoos in den Staaten zu verkaufen. So ist das erste Viertel des Buchs dem Tierleben hinter Gittern gewidmet; es bietet viele, manchmal sogar wissenswerte Details über die Zoo-Haltung und lässt den Protagonisten so funkelnde Sätze sagen wie: "Das gefährlichste Tier im Zoo ist der Mensch."

Die Reise endete leider mit einer Katastrophe. Eines Morgens wacht Pi auf, weil er ungewöhnliche Geräusche an Deck hört, und noch während er sich umsieht, fängt das riesige Schiff an zu sinken. Matrosen werfen ihn in ein Rettungsboot, in dem kurz darauf noch ein Zebra landet - dann sinkt das Schiff. Und Pi erhält noch mehr Gesellschaft: einen bengalischen Tiger und eine Gorilladame. Nun ist es schon schlimm genug, in einem kleinen Rettungsboot auf dem Pazifik zu treiben - aber mit einem Tiger als Gesellschaft, der vom Kopf bis zur Schwanzspitze schon mal die Hälfte des Bootes einnimmt und kein Futter hat? Wie sich das Zusammenleben des Jungen und seiner tierischen Gesellschaft gestaltet, das kann man nicht beschreiben - das muss man selbst lesen.

Auch wenn man nicht tierverrückt ist, ist es sehr spannend, die Überlegungen über das Dominanzverhalten zwischen Mensch und Tier zu verfolgen, die Pi hier anstellt. Dass es außerdem fesselt, wie er es schafft, auf diesem kleinen Boot zu überleben und dabei auch noch geistig gesund zu bleiben, ist wirklich faszinierend. Was ist das? Ein Märchen? Ein Abenteuer? Ein Traum? Eine Metapher? Oder von allem etwas? Ganz sicher ist es ein toller Roman über die Liebe, das Leben, über Tiere und Menschen und darüber, wie viel der eine vom anderen lernen kann. "Ich habe eine Geschichte, die Ihnen den Glauben an Gott geben wird", sagt zu Beginn des Romans ein alter Mann zu einem Schriftsteller in einem indischen Café. Und so wird sie aufgerollt die Geschichte von Pi Patel. Man wird entführt und verführt, lässt es geschehen und wird vor Begeisterung selbst seekrank.

Die Religion und die Zoologie sind die beiden Hauptaspekte des Romans, sie bestimmen das Denken des jungen Helden. Dabei schlagen Humor, Witz und die manchmal geradezu atemberaubend exzentrische Sichtweise der Dinge eine Brücke. Und tatsächlich schafft es das Buch, dass man sich zum Schluss fragt, warum soll eigentlich nicht alles so, genau so passiert sein?

Da geht es dann auch um etwas Notwendiges, was in diesen Tagen so rar geworden ist: Toleranz und Miteinander. Wir sitzen alle in einem Boot. Wie wahr! Tiere, so sagt Autor Yann Martel, demonstrierten, dass unsere Intelligenz zum Leben nicht nötig, vielleicht sogar kontraproduktiv sei. Denn zerstörten Tiere ihren Lebensraum, so wie es der Mensch tue?

Viele Sätze, die haften bleiben, sich einprägen - Philosophie für den Alltag, für Zwischendurch.

Fischer Verlag / € 9,95

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