Portal Dormagen 09.09.2010 - 17:19 Uhr
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Dormagener Geschichten und Gedichte


Das Mysterium der verschwundenen Zeitung!

Gabriela Rodenbach
www.gabriela-rodenbach.de

Foto Eigentlich bin ich ein friedvoller Mensch, meistens. Es gibt aber Situationen, oder besser gesagt, Institutionen, denen es mühelos gelingt, meine Grenzen auszuloten. So geschehen vor kurzem; eine Erfahrung, die ich Ihnen nicht vorenthalten will....

Seit Jahren freue ich mich auf den Tagesbeginn mit einer guten Zeitung. Kaffee und Brötchen gehören selbstverständlich dazu. Um mir das lästige "Zum-Kiosk-Gehen“ zu ersparen, habe ich ein Abonnement abgeschlossen. Die Zeitung, die das Rennen unter all den vielen anderen gemacht hatte, war das „ Panorama-Blatt“. Ich wohne in Dormagen und da gibt es immer viel zu erzählen... Gutes, Schlimmes und Merkwürdiges. Das Merkwürdige sind meine Lieblingsseiten. Kaum zu glauben, wozu Menschen fähig sind, wenn man sie nur lässt.

5 Jahre begleitet mich nun dieses Blatt durch all meine Höhen und Tiefen. Kein Wunder, dass es so etwas wie ein Ritual bereits geworden ist. Sobald ich einigermaßen meine Augen geöffnet, mich selbst zum Bad geschleppt habe, sitze ich (angezogen, wohlgemerkt) bei einer heißen Tasse Kaffe, den Brötchen (Sie wollen doch nicht im Ernst wissen, wie viele ich davon esse?) und meinem Panorama-Batt am Tisch. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein Morgenmuffel bin? Man kann es auch so sagen: es gibt Leute, die brauchen einfach länger, um morgens zu erkennen, dass der Tag schön werden könnte...

Vor kurzem habe ich eine schöne, neue Wohnung am Stadtrand gefunden, die – versehen mit einem leicht verwilderten Garten – wesentlich preiswerter ist, als meine Stadtwohnung. Als Frau von schnellen Entschlüssen, habe ich sofort alles klar gemacht und den Umzugstermin festgelegt. Hätten Sie doch auch, oder? Bei all dem Chaos, der in den nächsten Tagen über mich hereinbrach, habe ich versucht zu überleben und an „alles zu denken“.

Schon meine Mutter sagte immer: „Kind, denk an alles, nicht dass Du wieder die Hälfte vergisst“. Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht nur ein Morgenmuffel bin, sondern auch oft als „liebenswerte Chaotin“ bezeichnet werde? Wer sich bloß so was ausdenkt?...

Um so stolzer war ich auf mich selbst, als ich in einer klaren Minute zum Hörer griff und die Redaktion meiner Lieblingszeitung anrief, um denen mitzuteilen, wohin die Zeitung in genau 10 Tagen zu liefern wäre. Die Dame am anderen Ende notierte sorgfältig die neue Adresse. Beruhigt machte ich in Gedanken einen Hacken an diese Position: erledigt. Zum Erstellen richtiger Listen bin ich leider nicht gekommen, aber da mein Gedächtnis eigentlich immer gut zu mir hält, gibt es nur wenig Katastrophen.

Der Abend war hektisch, wie der davor auch, die Nacht unruhig und es fiel mir unglaublich schwer am nächsten Morgen aufzustehen. Nachdem sich meine Augen an das Tageslicht gewöhnt haben, ging ich mehr oder weniger elastisch zum Briefkasten. Meine Hand tastete hinein, stockte..., tastete nochmals..., vergebens. Nun machte ich meine Augen doch noch einen Spalt weiter auf: doch auch das ergab keinen Erfolg: die Zeitung war nicht da! Einfach nicht vorhanden. Toll, dachte ich. In all den Jahren, die ich hier wohne, hat noch nie jemand die Zeitung geklaut, aber jetzt! Gut, dass ich ausziehe in 9 Tagen. Es ist ein Zeichen. Ich muß schon sagen, das gedruckte Papier, oder besser gesagt, die Worte, die ich nun nicht lesen konnte, fehlten mir sehr.

Am nächsten Tag war mein Gang zum Briefkasten schon etwas angespannter... mit recht! Die Zeitung war wieder nicht da.

Ich hatte nicht viel Zeit darüber wütend zu werden, weil just in dem Moment, Freunde vor der Tür standen, die beim Packen helfen wollten. War ja nett gemeint, aber um diese Uhrzeit??? Ich ergab mich meinem Schicksal und vergaß dadurch die fehlende Zeitung.

Der dritte Tag bestätigte meine Vermutung: irgendwas stimmt hier nicht. 1 x Zeitung klauen würde ich noch verstehen, aber 3 x hintereinander ist entweder dreist oder dumm. Kurzentschlossen rief ich die Zeitungs-Redaktion an. Nachdem ich meinen Frust an die Dame (klang übrigens recht freundlich) losgeworden bin, wurde ich erst mal weiterverbunden. Ich erzählte die Geschichte über die fehlende Zeitung noch mal. Auch hier wieder eine Dame...sie bedauerte es sehr, sie wird sich sofort drum kümmern und ruft dann zurück.

Da ich ein gläubiger Mensch bin, hegte ich keine Zweifel und wartete. Den ganzen Tag und den nächsten... Am übernächsten fegten Zornwellen über mein sonst sehr ausgeglichenes Gemüt. In dieser Stimmung wählte ich die Nummer der Redaktion. Unnötig zu erwähnen, dass die Dame XY, die zurückrufen wollte, nicht da war. Sie arbeitet nur dienstags und heute wäre doch Freitag. Recht haben die; wie komme ich dazu diese Frau an einem Freitag anzurufen? Ich müsste doch wissen, dass sie dann nicht da sein würde. Genau das sagte ich auch dem (doch, wirklich recht freundlichen) Herrn.

Er wurde etwas unruhig und frage, ob er denn weiterhelfen könnte? Kann er, ich erzählte ihm die bekannte Story über die fehlende Zeitung, das Gespräch mit der Dienstag-Dame und fügte zum Schluß hinzu: „Bitte sagen Sie jetzt nicht, Sie erkundigen sich und rufen zurück.... Ich warte jetzt und hier auf eine Erklärung.“ Der freundliche Herr versprach alles und setzte mich in die Warteschleife.

Ich weiß nicht, wie lange ich mir „Die kleine Nachtmusik“ von Mozart angehört habe, aber kurz vorm Einschlafen, hörte ich es dann im Hörer krachen und seine Stimme brachte mich in die Wirklichkeit zurück. „Ja“, meinte er. „Wir bedauern das außerordentlich (wo lernen diese Leute immer nur solche Floskeln? Gibt es dafür Seminare?), aber leider ist uns ein Versehen passiert: Ihre Zeitung wird bereits an die neue Adresse geliefert. Wenn Sie allerdings darauf bestehen, ändern wir das sofort ab und morgen können Sie wieder unser Blatt in Ihren Händen halten.“ Ich bestand darauf, auch wenn meine innere Stimme sagte: glaub ihm nicht! Man soll doch jedem eine Chance geben, oder? Auch den Angestellten bei der Zeitungs-Redaktion. Sind ja auch nur Menschen.

Leider hatte meine innere Stimme recht: die Zeitung kam nicht am nächsten Morgen, nicht am übernächsten, sie kam überhaupt nicht mehr. Ich resignierte: der Umzug war auf dem Höhepunkt angelangt und irgendwann wurde auch mir klar, es gibt recht viele wichtigere Dinger zu erledigen, als auf den Spuren einer nicht gelieferten Zeitung zu wandern. Ich verschob das Thema auf „später“.

Meine erste Nacht in der neuen Wohnung muß einfach wunderbar gewesen sein: ich kann mich an nichts erinnern. Ich fiel ins Bett wie ein Stein, wachte auf, wie gesteinigt und hatte lange gebraucht, meinen Körper zu überzeugen, dass er jetzt aufstehen muß. Als der Verstand über ihn siegte, kochte ich mir den Kaffee, schnitt die Brötchen auf und genau hier...stocke mein Atem. Die Zeitung! Ja, sagten nicht die Leute von der Redaktion, die Zeitung wird schon seit 10 Tagen and die neue Adresse geliefert? Irgendwer muß die entsorgt haben, denn beim Umzug war keine zu sehen.

Allein die Vorstellung, sie könnte da sein, ließ mich zum Briefkasten beinahe laufen. Niemand kann die Spannung nachempfinden, die ich zwischen dem Briefkasten-Aufmachen und Reinschauen-Moment empfand. Gut so, sonst hätte nicht nur ich den Beinahe-Herzinfarkt, sondern viele anderen auch. Natürlich keine Zeitung im Briefkasten. Meine ohnehin schon schlechte Laune sank unter 0-Punkt.

Gott-sei-Dank habe ich mir die Nummer der Redaktion auf einem lila Zettel notiert. Den fand ich nun mühelos in meiner Handtasche. Die Farbe schrie mich förmlich an. Wahrscheinlich habe ich im Unterbewusstsein diese Farbe damals gewählt: sagt man nicht, „Lila, der letzte Versuch?“

Nach kurzer Zeit hatte ich wieder das Vergnügen mit einer freundlichen Dame zu sprechen, die ich noch nicht kannte. Ich muß schon sagen, freundlich sind sie dort alle, haben sie wahrscheinlich auch mühevoll lernen dürfen. Nach weiteren 10 Minuten, in denen wir das Mysterium der verschwundenen Zeitung hin und her diskutiert haben, schlug sie folgendes vor: Um die Sache nun abzukürzen, bekomme ich die Telefon-Nummer der Zustellerin in meinem Bezirk. Die wird dann sicherlich des Rätsels Lösung sofort aufklären. Ich fand, das war eine gute Idee.

Mit der neuen (hoffentlich richtigen)Telefon-Nummer ausgestattet, zögerte ich keine Sekunde länger und rief an. Eine energische weibliche Stimme, die man nun wirklich nicht als freundlich bezeichnen kann, brüllte ein lautes „Hallo!“ ins Rohr. Ich hielt vorsichtshalber den Hörer etwas weiter weg... „Sind Sie Frau Ziegler, die Zustellerin fürs Panorama-Blatt?“ „Was?“ schrie die Stimme zurück.

„Sprechen Sie etwas lauter, ich kann Sie so schlecht hören“. Ach so, dachte ich, die Dame ist schwerhörig. „Ziegler“, schrie ich nun ebenfalls aus voller Kraft. „Sind Sie Frau Ziegler? Die Zustellerin vom Handelsblatt?“ „Mein Gott“, kam es etwas leiser zurück. „So zu schreien brauchen Sie nun auch nicht. Ich bin zwar 70 Jahre, aber hören kann ich noch ganz gut. Ich habe nur einen Schnupfen, der sich heute auf die Ohren gelegt hat“. Hm, das habe ich auch noch nie gehört, muß ich mir merken.

„Gut“, sage ich laut. „Die Redaktion hat mir Ihre Telefon-Nummer gegeben, Sie sind ja für die Rudnikstraße hier zuständig“. Sie unterbrach mich unsanft: „Was habe ich mir der Rudnikstraße zu tun? Wollen Sie mir was aufschwatzen? Da sind Sie bei mir richtig, ich brauch' nichts“. In meiner Panik hielt ich den Hörer festumklammert, als ob das was nutzen sollte, ihren nicht hinzuknallen. „Warten Sie“ meine Stimme, 3 Oktaven höher als sonst, muß sie überzeugt haben. Sie hielt inne. „Ich will doch nur wissen, warum ich kein Panorama-Blatt mehr bekomme. Sie verteilen doch die Zeitung in der Rudnikstraße?“ Am anderen Ende wurde es still. Ich hörte ein etwas gedehntes „He???“ und dann kam die Antwort: „Die haben mich doch vor 9 Monaten entlassen. Personaleinsparung sagten sie, aber in Wirklichkeit bin ich denen zu alt geworden. Da ist der Dank für die vergangen 5 Jahre, wo ich nicht einen Tag gefehlt habe, nicht einen, glauben Sie mir!“

Wie vom Donner gerührt saß ich da. Mir fiel auch nicht ein vernünftiger Satz ein, der in diese Situation gepasst hätte. Frau Ziegler hat sich jedoch von ihrem Gefühlausbruch erholt. „Tja, „ hörte ich am anderen Ende. „So ist das Leben halt. Machen Sie’s gut, junge Frau. Und mit der Zeitung, seien Sie nicht traurig, dass die nun nicht mehr kommt. Steht eh nichts Gutes drin.“ Sprach und hing ein.

Ich saß immer noch regungslos da und konnte es nicht fassen. Nicht nur, dass sie mir all die Tage nicht weiter geholfen haben, diese Papierheinis, nein, dann geben sie mir noch die Telefon-Nummer der Frau, die alles auflösen soll, die sie allerdings selbst vor 9 Monaten entlasen haben.

Wie gesagt, eigentlich bin ein geduldiger, gelassener Mensch; nun nicht mehr. Voller Wut im Bauch schrieb ich die Kündigung an die besagte Redaktion. Mit sofortiger Wirkung, versteht sich. Zugleich rief ich die Konkurrenz an und schloß ein neues Abo ab. Die schriftliche Bestätigung kam in 2 Tagen. Diese schickte ich – zusammen mit ein paar gut verständlichen Sätzen – an das Panorama-Blatt. Rache ist süß...

2006-06-26

 

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