Gabriela Rodenbach
www.gabriela-rodenbach.de
Ich saß wie versteinert vor dieser Zeitung und konnte mich nicht rühren, nicht einen klaren Gedanken fassen, nicht reagieren. „Wo ist Emily?“ fragte die Überschrift in großen Buchstaben. “Es kann doch nicht sein“, dachte ich, „es kann doch nicht sein, dass es ausgerechnet jene Emily ist, dessen Name auf dem Medallion eingraviert ist. Auf diesem Medallion, das ich im Grab von Pater Martinian gefunden habe! Doch andererseits, warum nicht?“ Meine Gedanken drehten sich im Kreis, so ähnlich wie die silberne Spirale auf meinem Lieblingsbild in der Basilika Ausstellung. „Beten ohne Unterlass“, war der ansprechende Titel. Ich konnte ihn jetzt gut umsetzen: Denken ohne Unterlass!
Es ist mir so vieles Merkwürdiges passiert in letzter Zeit, genau, wie ich es mir eigentlich gewünscht hatte. Eigentlich…, denn so langsam machte sich ein anderes Gefühl in meinem Herzen breit: Angst. Diese Emily, erfuhr ich aus dem Artikel, war ein kleines achtjähriges Mädchen, das die Grundschule in Rheinfeld besuchte. Ein liebes, ruhiges Kind, nichts Außergewöhnliches war über sie zu berichten. Ein Blick auf ihr Foto bestätigte diese Aussage und ich nickte innerlich. Dieses Kind war ein Kind, das sicherlich nicht grundlos von Zuhause weglief. Und doch muss irgendetwas passiert sein, denn Emily ist seit gestern nicht von der Schule nach Hause gekommen. Sie hatte nur ein paar Minuten Gehweg, immer umgeben von anderen Kindern, so dass sie nie allein diesen kurzen Weg gehen musste. „Seltsam“, mein Verstand schaltete auf Logik um, „wenn sie doch sozusagen immer mit anderen Kindern oder deren Eltern nach Hause ging, dann stand sie doch unter Beobachtung. Da kann ein Kind nicht einfach so verschwinden! Oder aber…? Was ist, wenn ein Bekannter, ein Begleiter dieser Kindertruppe sie entführt hatte?“ Hier musste ich selbst den Kopf schütteln, nein, das wäre zu offensichtlich. Die anderen Kinder oder Eltern hätten es mitbekommen. Wie also konnte das passieren. Und das ausgerechnet hier bei uns, in unserem Dormagen!
Diesen Satz sollte ich in den nächsten Tagen öfter hören. Die Dormagener Bürger waren schockiert und entsetzt. Wir lesen zwar fast jeden Tag, dass Kinder entführt und um… Nein soweit wollte ich noch nicht mal in Gedanken gehen. Aber es ist immer wieder etwas anderes, wenn es in unserer Nähe geschieht, in unserer unmittelbaren Umgebung. Nur da fühlen wir uns geschockt, da haben wir plötzlich selber Angst und wollen alles daran setzen, diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden. Hunderte von Polizisten und Freiwilligen durchkämmten alle Felder und Wälder. Die Taucher suchten in allen Gewässern, den Straberger See nicht ausgenommen. Alles ohne Erfolg. Emily blieb verschwunden.
Ein Woge des Mitleids und Hilfsbereitschaft schlug Emilys Eltern entgegen. Die Mutter erlitt einen Nervenzusammenbruch und erholte sich nur schwer. Der Vater sprach kaum ein Wort, nur die nötigsten Sätze presste er heraus und verschwand dann wieder in seinem Arbeitszimmer. Sie wurden zwar, soweit sie es zuließen, psychologisch betreut, aber den tiefen Schmerz und die Angst um ihr Kind konnte keiner heilen oder auch nur lindern.
Ganz Rheinfeld befand sich im Ausnahmezustand. Natürlich hatten viele Eltern Angst um ihre Kinder und reagierten entsprechend. Es wurden „Begleitergruppen“ eingerichtet, so dass kein Kind allein zur Schule und zurück nach Hause gehen musste. Jeder wollte etwas tun, beschützen, begleiten, mit suchen. Nur nicht untätig da stehen; die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte, war in jedem von uns vorhanden. Keiner sprach es aus, doch man sah es an den Gesichtern, man hörte es an dem Klang der Stimme.
Ich selbst fühlte mich unsagbar schlecht und sogar irgendwie schuldig. Einerseits habe ich ja nichts getan, andererseits war da das Medallion, das ich versteckt hielt. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich habe es ja schließlich aus einem Grab „entwendet“. Den Hinweis dazu gab mir jemand, den ich nicht kenne, auf einem Stück Papier und dieses Stück Papier lag unter einem Stein im Gewölbe der Basilika. Klingt logisch und einleuchtend, oder? Das Beste, was mir dann passieren könnte, wäre wahrscheinlich eine Einzelzelle in der Psychiatrie. Wie sollte ich das der Polizei erklären? Und überhaupt, wer sagt eigentlich, dass das Medallion mit der Widmung für Emily überhaupt etwas mit der verschwunden Emily zu tun hat?
In diesen Tagen bin ich oft zum Tannenbusch gefahren. Habe jedes Mal, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, unter den Stein nach einer neuen Botschaft geschaut. Natürlich vergeblich! Manchmal fuhr ich voller Wut zum Kloster, saß dort in dem kleinen Gebetsraum und flehte stumm um eine Antwort. Doch niemand schickte mir ein Zeichen.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter mir. Ich fuhr erschrocken hoch und beruhigte mich gleich wieder: Es war ein Mönch. Nur ein Mönch! „Mein Gott“, dachte ich, „wie habe ich mich erschrocken!“ Er stand still da und beobachtete mich. Als ob er meine Gedanken lesen konnte, sagte er: „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt haben sollte….“ Er ließ den Satz leise, fast fragend ausklingen. „Tatsächlich“, ich versuchte ein kleines Lächeln, „ja, ich war ziemlich in Gedanken versunken.“ „So schien es mir“, er lächelte zurück. „Ziemlich tief sogar. Ist es nun gut oder schlecht, dass ich Sie da rausgeholt habe?“ „Ich glaube, eher gut“, meine Stimme zitterte ein wenig und ich sah, wie sein Gesichtsausdruck sich veränderte. „Ich sehe, dass Sie bedrückt wirken. Ihre Augen sind traurig und sie lächeln nicht mit, wenn Ihr Mund lächelt. Das ist wahrhaftig nicht gut. Ich bin froh, dass ich Sie für den Augenblick aus Ihren düsteren Gedanken herausgeholt habe, aber…“, er machte eine kleine Pause, „aber das ist nicht die Lösung. Sie werden wieder weg gehen und Ihre traurigen Gedanken mitnehmen. Das wiederum macht mich betroffen.“
Ich schaute die ganze Zeit zum Boden. Nun hob ich meinen Blick und sah ihn direkt an. „Vater“, sagte ich spontan, denn ich hatte keine Ahnung, wie man einen Mönch anspricht, „ich habe tatsächlich ein Problem. Das Schlimme ist, dass ich es nicht lösen kann. Ich kann auch mit niemanden darüber sprechen.“ Meine Stimme versagte. Der Mönch nahm meine Hand in seine Hände und fragte ruhig: „Auch nicht mit einem Pater? Sie können mir vertrauen, denn ich bin an mein Beichtgeheimnis gebunden.“ „Wäre denn unser Gespräch wie eine Beichte zu sehen?“ Er nickte. Und plötzlich fühlte ich mich frei und leicht, wie schon lange nicht mehr. Ja, das ist es! Das ist meine Antwort, um die ich gebeten und auf die ich so lange gewartet hatte. Ich atmete erleichtert auf. „Ich vertraue Ihnen“, sagte ich und meine Stimme klang wieder normal. „Schön“, auch er sah irgendwie erleichtert aus, „dann lass uns gehen.“ Ich folgte ihm durch den Gang, wo die Bilder hängen, in ein kleines Zimmer. Das Zimmer wurde von einer großen Bücherwand beherrscht, in der Mitte standen ein runder Tisch und vier Stühle. An der anderen Wand befanden sich ein Sofa und ein Sessel. Der Pater machte eine einladende Geste und ich setzte mich auf das Sofa, er nahm Platz mir gegenüber, im Sessel.
„Bitte wundern Sie sich nicht, über die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde“, begann ich zu sprechen, „aber es ist alles wahr. Es begann im Tannenbusch, als ich dort eines Tages meinen Wunschzettel unter einen Stein legte.“ Ich redete und redete und fühlte mich mit jedem Satz freier. Der Pater hörte mir schweigend zu und fragte nichts. Erst, als ich meine Geschichte zu Ende erzählt habe und ihn erwartungsvoll ansah, sprach er: „Das Medaillion lag im Grab vom Bruder Martinian?“ Ich nickte. „Gut. Auch ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat. Könnte ich es mir mal anschauen?“ Ich nickte und wir verabredeten uns für den nächsten Montag. Ich wollte ihm nicht nur das Medaillion, sondern auch die Zettel mit den Botschaften mitbringen. Ich wollte mit dieser Geschichte nicht mehr allein leben. Ich wollte, ja, ich wollte ihn zu meinem „Mitwisser“ machen, mit ihm die Verantwortung für das, was geschehen ist und womöglich noch wird, teilen.
Fast fröhlich fuhr ich los. Da mein Weg am Tannenbusch vorbeiführte, stoppte ich dort. Ich setzte mich auf die Bank, auf der ich seit Tagen gegrübelt habe. „Na, du blöder Stein“, ich schaute zu dem Stein hinüber, mit dem alles begann. „Jetzt brauchst du mir auch keine Nachrichten mehr zu schicken. Ich habe keine Angst mehr. Ich habe mir Hilfe geholt und zwar von „höchster“ Stelle!“ Ich lächelte in mich hinein. Gut gesagt. Ich stand auf und wollte gehen, doch die alte Gewohnheit zwang mich, sich noch ein Mal zu bücken und unter den Stein zu schauen. Ich zuckte zusammen! Das kann doch nicht sein! Mit zitternder Hand zog ich das zusammen gefaltete Blatt Papier heraus und öffnete es sofort. „Du hast Dich entschieden doch diesen Weg zu gehen und Du hast Mut bewiesen. Das Medaillion ist der Schlüssel zu allem. Pass gut darauf auf, denn hier liegt die Lösung. Achte besonders auf das „Hier!“ Meine Nerven vibrierten und ich schrie los: „Was soll das! Wer bist du! Verstecke dich nicht, komm heraus!“ Ein paar Leute, die mit den Stöcken zum Walken unterwegs waren, blieben am Rande des Weges stehen und schauten zu mir herüber. Ich steckte den Zettel in die Manteltasche und lief zum Auto.
Fortsetzung folgt2008-03-07