Ganz plötzlich entbrannte ich in Liebe zu ihm.
Das war deshalb so verwunderlich, weil wir einander schon seit vier Jahren kannten und uns täglich begegneten; wir wohnten nämlich im selben Haus.
Aber bis dahin war er mir völlig gleichgültig gewesen.
Auf einmal fielen mir seine schönen, schwarzen Locken auf, und ich entdeckte, dass keiner so hoch schaukeln und den Ball so weit werfen konnte wie er. Da entflammte mein Herz.
Leider dauerte es nicht lange, - nur wenige Wochen.
An meinem ersten Schultag zerbrach das zarte Pflänzchen Liebe - durch Manfreds Schuld!
Wir gingen in dieselbe Klasse. Er war im 2. Schuljahr, ich kam ins erste. An besagtem Einschulungstag forderte Frau Weber, unsere Lehrerin, alle Schulneulinge auf, einzeln ein Lied vorzusingen, und so hörten wir dann mehr oder weniger melodisch all die beliebten Kinderlieder - „Alle meine Entchen“, „Hänschen klein“, „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ und wie sie alle heißen. Ich war ziemlich am Schluss dran, und es erfüllte mich mit großer Sorge, ob für mich wohl noch ein Lied übrigblieb, das noch nicht vorgetragen worden war. Doch dann fiel mir eins ein, und als ich endlich an der Reihe war, schmetterte ich los, wie ich es öfter aus dem Radio gehört hatte:
„Komm, mein Schatz, wir trinken ein Likörchen,
und dann flüst're ich dir was ins Öhrchen,
von der Liebe und so mancherlei
und so'n bisschen, bisschen, bisschen noch dabei.“
Als ich danach ansetzte, das Ganze noch einmal zu wiederholen - ich sang nämlich sehr gern -, winkte Frau Weber ab und sagte: „Danke, das genügt.“ Dabei bin ich sicher, dass ich das Lied melodisch wie textlich fehlerfrei zu Gehör gebracht hatte. Aber die Lehrerin hatte sich offensichtlich auf eine andere Art von Gesängen eingeschossen. Also setzte ich mich wieder, und bald darauf begann dann der Unterricht, der uns gleich mit dem i in Sütterlinschrift bekannt machte: Rauf - runter - rauf, Pünktchen obendrauf.
Es wäre ja alles nicht schlimm gewesen, wenn Manfred die Geschichte, die doch eigentlich etwas Schulinternes beinhaltete, nicht gleich zu Hause zum Besten gegeben hätte. Seine Mutter hatte darauf nichts Eiligeres zu tun, als es gleich brühwarm meiner Mutter zu erzählen, und die hielt mir eine tüchtige Standpauke: So etwas gehörte sich nicht. Wie ich dazu käme, einen Schlager vorzusingen, es gäbe doch genug Kinderlieder. Ich hätte meine Eltern schrecklich blamiert. Sie, Mutti, könnte sich jetzt vor Frau Weber nicht mehr sehen lassen, usw., usw.
Ich fiel aus allen Wolken. War denn nicht Lied gleich Lied? Aber wenn ich diese Strafpredigt auch nicht verstand, so hatte ich doch ein schlechtes Gewissen und fühlte mich sehr gedemütigt. Und wer war es schuld? Manfred. Warum hatte er nicht den Mund gehalten?
Meine Liebe zu ihm schwand an diesem Tag dahin.
© Gisela Schäfer2008-05-15