Portal Dormagen 08.09.2010 - 02:13 Uhr
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Dormagener Geschichten und Gedichte


Wo, bitte sehr, geht es hier zum Sonnenstrand? Bulgarien, wir kommen!

Gabriela Rodenbach
www.gabriela-rodenbach.de

Foto Die schönste Zeit des Jahres naht: wir planen unseren Urlaub! Was bitte schön, soll es diesmal sein? Ein Abenteuerurlaub? Nö, zu anstrengend. Vielleicht Wellness pur? Nö, zu langweilig. Und obwohl wir nur zur Zweit sind, kommen wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Bis, ja bis wir von Bekannten hören: Sonnenstrand, da waren wir letztes Jahr! Super gut und super preiswert! Wundervoller Strand, schöne Promenade und wirklich freundliche Menschen. Keine aufdringlichen, nein, zurückhaltend und nett. Doch, wo bitte sehr, liegt der Sonnenstrand? Na, in Bulgarien natürlich. Wo sonst?

Mein Mann und ich schauten uns an. Kommt nicht Bulgarien nächstes Jahr in die EU? Klar und dann ändert sich bestimmt einiges. Auch die Preise! Wir nickten glücklich und entschlossen. Lass uns das gelobte Land kennen lernen. Da wir so gar keine Ahnung von Bulgarien hatten, surften wir ein wenig im Internet. Sehr schlau wurden wir dabei nicht.

„Lass uns doch ins Reisebüro gehen. Vielleicht haben die ein gutes Angebot, wer weiß?“ schlug mein Mann vor. Und tatsächlich; unser wohlbekanntes Reisebüro wusste einiges über dieses schöne Land zu berichten. Wir waren wie elektrisiert; es muss das Paradies schlechthin sein. Als dann noch das Sahnehäubchen folgte: eine Glücksreise in ein 4-Sterne-Hotel einer bekannten Kette, gab es kein Halten mehr. Wir buchten sofort. Bulgarien, wir kommen! Die freundliche Reiseberaterin meinte noch augenzwinkernd: „Mit diesem Hotel können Sie nichts falsch machen“. Recht hatte sie, kannten wir doch schon einige aus den vergangenen Reisen. Sie waren immer ihre 4 bis 5 Sterne wert, plus Glücksgefühl inklusive. Ohne wenn und aber.

Da es sich hierbei um eine Glücksreise – wie bemerkt – handelte, konnte das Reisebüro nicht genau sagen, in welches Hotel wir kommen werden. Alle 3 strahlten uns aus den Katalogseiten an: alle 3 einfach schön. Doch stopp. Das dritte hier, das direkt am Sonnenstrand…, warum steht hier unter dem Bild „Modell“? Die Reiseberaterin lächelte: „Es ist ganz neu, hat erst vor kurzem aufgemacht. Beim Abnahmedruck des Kataloges gab es noch keine Bilder“. Logisch, dieses Argument leuchtete uns sofort ein. „Aber das spielt doch keine Rolle; ein Hotel mit diesem Namen hält immer, was es verspricht. Imagesache!“ Sie klickte sich noch in das Bewertungsprogramm ein und siehe da, die beiden anderen Hotels waren mit „sehr gut“ von allen Reisenden bedacht worden; für das neue Hotel lagen natürlich noch keine Bewertungen vor. Wie denn auch, war es doch ganz neu. „Vielleicht haben wir Glück und kommen in dieses hinein. Alles neu und frisch…., wäre super“, hoffte ich insgeheim.

Der Flug war angenehm und voller Erwartung stiegen wir aus. Der Flughafen empfing uns mit einem Bild aus längst vergangenen Tagen. Alles ein wenig altmodisch, kleine und große „Baracken“ fügten sich zu einem Flughafengebäude zusammen. Die Busse davor sahen so aus, wie auf den Bildern unserer Eltern, als diese noch klein waren.

Der Bus fuhr auf eine recht moderne Autobahn, die er allerdings nach einer kurzen Zeit verließ. Dann schaukelten wir durch holprige Straßen. Rechts und links sahen wir das typische Bild eines Ostblocklandes: Plattenbauten, halb eingefallene Hochhäuser, Verkaufstände, die auf die Schnelle aus Sperrholzplatten gezimmert wurden. Die meisten Häuser zeigten eine „grau in grau“ Fassade; die Farbe hatte sich längst aufgelöst. Es wurde erst schöner, als wir die Flughafen-Stadt Varna verlassen hatten. Endlose Felder, saftiges Grün, schöne Berge, blühende Bäume erfreuten unsere Augen. Wir schlossen diese beruhigt.

Als wir ziemlich unsanft in die Hoteleinfahrt einfuhren, die noch gar keine war, öffneten wir die Augen wieder. Uns wurde schlagartig klar: wir sind in dem „Modell“ gelandet: das neu eröffnete Hotel lässt grüssen. Es muss den ganzen Tag geregnet haben, denn die aufgeweichte Einfahrt bestand aus Schlamm und weich fließendem Sand. Ziemlich beklommen stiegen wir aus. Der Blick nach rechts und links bestätigte unsere Ahnung: Baustelle pur. Traurig hingen die Paletten am Kran und warteten auf ihren Einsatz. Ausgebaggerte Löcher auf den Nachbahrgrundstücken versprachen bald neue Fundamente und damit weitere Hotels.

Der erste Widerspruch regte sich unter den Mitreisenden: „Oh mein Gott! Wo sind wir denn hier gelandet?“ Eine ältere Dame sprach aus, was wir alle dachten. Schnell stellte es sich heraus, dass alle Anwesenden eine Glücksreise gebucht hatten und alle die Wahl zwischen 3 Hotels gehabt hätten. Ha! Kein einziger von uns ist in die beiden anderen Hotels geschickt worden. Nein, das „Model“ seines Namens „Sonnenhotel“ war das Ziel. Schließlich war es neu, der Bau hat sicherlich viel Geld verschlungen und das musste schnellstens wieder reingeholt werden. Und zwar durch uns.

Im Inneren atmeten wir auf: immerhin gab es eine Lobby, eine Rezeption mit recht freundlichen Mitarbeitern und 2 Geschäfte; einen kleinen Kiosk und einen Frisör. Ach ja, eine Anlaufstelle der Reisegesellschaft gab es auch. Dieser Laden war der einzige, der immer proppenvoll war. Und das jeden Tag. Doch davon später.

Die Anlage verfügte über ein Hauptgebäude mit einem Restaurant und Hallenschwimmbad. Rund um dieses Gebäude standen im Halbkreis weitere kleinere Häuser. Glücklicherweise bekamen wir ein Zimmer in einem dieser Häuser zugewiesen. Ein schönes, großes Zimmer mit Balkon, mit „halbem Meerblick“. Keine Baustelle störte unseren Ausblick. Dafür den der anderen Gäste… Die Inneneinrichtung war durchaus ansprechbar; praktisch und funktionell und sogar nett anzusehen. Alles im Haus roh noch frisch und neu….

Am nächsten Morgen machten wir einen Erkundungsrundgang. Direkt vor unserem Haus war ein schöner, großer Pool. Der Mosaik-Boden gab das Bild einer wunderschönen Blume wieder. Das Wasser war glasklar. Vor dem Hauptgebäude befand sich ein weiterer, noch größerer Pool, der mit vielen Kurven und Ecken ein architektonisches Meisterwerk darstellte. Die Kinder nannten einen weiteren kreisrunden Pool ihr Eigen. Fürs Plantschen und Schwimmen war wirklich ausreichend gesorgt. Vor jedem Pool stand auch eine Dusche. Leider. Nun ja, vielleicht folgen noch weitere, die sind ja hier erst am Anfang.

Am Anfang waren auch die Grünanlagen. Von „Grün“ keine Spur. Hier und da blickte einem ein Grashalm entgegen. Doch wir sollten lernen, wie schnell Gras wachsen kann und Blumen gepflanzt werden können, wenn das Management es so will. Schon eine Woche später begleiteten uns frisch gesetzten Sträucher und Grasbüscheln rund um die Poolanlagen. Aber nur dort. Die Baustellen rundherum blieben völlig von irgendwelchen Aktionen, die nach Arbeit aussahen, verschont.

Das Schlimmste allerdings für uns alle war die Tatsache, dass das Hotel so richtig „am Ende der Welt“ lag, mitten in der Pampa. Weit und breit kein Ort, in dem man abends bummeln konnte, keine Restaurants, keine Läden, einfach nix! Mein Mann feixte: „Sieh es von der Seite: hier können wir kein Geld loswerden. Eine Sparreise im wahrsten Sinne des Wortes!“ Ich konnte darüber so gar nicht lachen. Einen Urlaub stelle ich mir anders vor. Abends auch mal ein Glas Rotwein trinken, bisschen Musik hören, einfach entspannt genießen. Das konnten wir hier komplett vergessen. Es ging zwar tagsüber seit kurzem ein Shuttlebus zu einem kleinen Ort. Der war allerdings mehr eine Ansammlung von Häusern mit einem Marktplatz als lohnendes Ausflugsziel. In 20 Minuten hatte man den Ort vollständig kennen gelernt. einmal dahin, das reichte völlig aus. Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass der viel gelobte Sonnenstrand „nur „ knappe 30 km weit entfernt war? Also, was tun? Die Geschäftstelle des Reisebüros bot einige Ausflüge ins Landesinnere an: wir buchten direkt mehrere, um dem ganzen hier zu entrinnen.

Im Laufe der nächsten zwei Tage wurde uns klar, warum das hier auch als „Sparreise“ angeboten wurde. Den Großteil der Urlauber (90%) machten junge Familien mit kleinen Kindern aus. Die Kinder durften entweder gratis oder für einen Minibetrag mit: kein Wunder also, dass viele Familien freudig zugeschlagen haben. Hätten wir Kinder mitgehabt, hätten wir das genauso gemacht. Nur schade, dass uns das niemand vorher gesagt hatte, Die „schönste Zeit des Jahres“ sollte unsere Nerven wieder beruhigen und nicht testen, wie belastbar wir eigentlich noch sind. Es waren ca. 200 Kleinkinder hier, die tagsüber verteilt auf Kid-Club, Kinderpool und „Strand ohne Namen“ kaum zu hören waren. Dafür aber umso mehr zu allen Essenszeiten.

Da es nur ein einziges, riesiges Restaurant gab, war der Geräuschpegel ungefähr so, wie bei dem letzten Konzertbesuch der Gruppe „Pur“ in der Gelsenkirchener Fußballarena; meinte Detlef, ein sympathischer Zeitgenosse aus dem Ruhrgebiet. Sein trockener Humor und seine Art, alles aus allen Seiten gleich zu betrachten, bewahrte uns oft vor spontanen Wutausbrüchen. Er hatte nicht ganz Unrecht. Die Kinder schrieen begeistert, wenn sie bekamen, was sie wollten, aber auch voller Wut, wenn es nicht so war. Hörte ein Teil auf zu brüllen, kamen die Stimmen aus einem anderen Teil des Restaurants sofort wieder zum Einsatz. Irgendwie hatte das Management vergessen Trennwände einzusetzen. Bei Detlef kamen Erinnerungen hoch: „Das ist, wie zu meiner Militärzeit Wie in der Mannschaftskantine, wo ca. 600 Soldaten relativ gleichmäßig mit dem Geschirr klapperten und auch alle zugleich redeten“. Er grinste breit.

An eine Unterhaltung war überhaupt nicht zu denken. So ähnlich lief es auch abends ab. Da die Kapazität des Saales die Zahl der Gäste nicht abdecken konnte, wurde in zwei Schichten gegessen. Einmal um 18.30 Uhr bis 20 Uhr und dann wieder von 20.30 bis 22 Uhr. Jedes Mal war der Saal richtig voll. Mitten ins Stimmen-Wirrwarr mischte sich ab und zu ein metallisch klirrendes Geräusch. Je nach Intensität des Tons, erreichte dieser mühelos das Zentrum des Gehirns und ließ uns zusammen zucken. Was war das bloß? So konnte doch kein Kind schreien? Als die Kellnerin ihren „Ab-Servierungswagen“ an uns vorbei schob, indem sie links die gebrauchen Teller stapelte und rechts in die vorbereiteten Behälter die Essensreste hereinschüttete, war alles klar. Die Rollen! Es waren die Hartgummi-Rollen dieser kleinen Wagen, die sich quietschend den Weg auf dem Kachelboden bahnten. Da es recht viele waren und ständig im Einsatz, wurde dieses schrille Geräusch für uns zum „All-Inclusive-Standard“. Von einem gemütlichen Abendessen war keine Rede. Man schnappte sich den Teller, ging los an die drei verschiedenen Theken, immer schön darauf bedacht, den herumrennenden, schreienden Kindern rechtzeitig auszuweichen.

Die Tische wurden jedem Gast vorher zugeordnet, so dass jeder zielsicher seinen Tisch – wir hatten die Nr. 160 – ansteuern konnte. Die Überraschung folgte bereits am dritten Tag. Als wir an unserem Tisch kamen, saß dort ein jüngeres Paar mit Kind. Schnell stellte sich heraus, dass auch sie die Nr. 160 hatten. Die Restaurant-Dame, die ihren Hochsitz am Eingang hatte, wurde aufgesucht. „Ein Versehen“, versicherte sie, „kann passieren, kommt selten vor“. Wir behielten unseren Tisch, konnten aber noch sehr oft beobachten, wie sehr sich dieses „Versehen“ wiederholte. Je nach Temperament kam es dabei zum heftigen Wortwechsel, frei nach dem Motto: mein Tisch gehört mir!

Das Essen erschien uns am ersten Tag recht vielfältig: eine Gemüse- und Obsttheke, eine italienische Ecke mit einer Sorte Pizza und Nudeln und eine Fleischtheke mit Pommes und Reis. Klingt gut, nur schade, dass es 14 Tage lang immer das gleiche gab. Die einzige
Variation war an der Fleischtheke zusehen. Hier konnte man, mehr oder weniger, meist weniger, jeden Tag eine andere Sorte Fleisch wählen, aber nicht genießen. Die Küche war eindeutig auf Kinder abgestimmt: vorrangig Pommes mit allen panierten Hähnchenröllchen-Sorten plus Nudeln mit Tomatensauce. Fehlten nur noch die Fischstäbchen. Wahrscheinlich gibt es die noch nicht in Bulgarien. Glück gehabt. Aber sogar die Kinder waren irgendwann des ewigen Allerleis satt.

Apropos Kinder: eins ist mir aufgefallen: Immer mehr Kinder haben ihre Eltern im Griff. Früher war das wohl umgekehrt. Bei uns am Nebentisch saß Kevin. Ein aufgeweckter dreijähriger Knirps. Was Kevin wollte, bekam er auch und zwar sofort. Er testete dann, eine Hand im Essen untergetaucht, ob es auch die richtige Temperatur hatte. War das Ergebnis zufrieden stellend, stopfte er sich das Essen mit den Händen in den Mund. Hier merkte er dann manchmal, dass es doch nicht so schmeckt, wie es aussieht. Mund auf, Essen raus; und zwar in Richtung Mama plus Nachbarin. Nachbarin springt entsetzt auf und rennt los, ihre Kleidung zu säubern. Mama sagt seelenruhig: „Schmeckt es nicht Kevin, mein Süßer? Dann probier doch das hier!“. Eine Quarkspeise. Herrlich! Dieses Mal bekommt Papa und dessen Nachbar eine Kostprobe. Papa schnauft in sein Bart und sagt: „Deine Erziehung, sage ich nur! Da sieht du es!“. Nachbar geht ebenfalls los, und zwar zur Reservierungsdame, und bittet um einen neuen Tisch. Den bekommt er auch, denn Kevin hat plötzlich neue Nachbarn. Aus sicherer Entfernung beobachteten wir das „schöne Spiel“. Ich glaube, Kevin hatte 5 neue Nachbarn in 10 Tagen verschließen. Die Eltern blieben ihm allerdings erhalten. Schade.

Solche Kevins gab es in jeder Größe. Mir taten dann nur die anderen Kinder leid. Die Kevins schubsten sie herum (wenn keiner guckte, versteht sich), machten deren Spielzeug kaputt, kippten ihre Getränke um, etc. Die Reaktion der Eltern, die träge in der Sonne lagen oder eben mal vom Teller hoch schauten, beschränkte sich auf eine lautes: „Keeeevin! Lass das!“ Das nahm ein „Kevin“ schon gar nicht mehr wahr. Schöne neue Welt, was schenkst du uns für eine Generation, auf die wir uns freuen sollen?

Bei der Info-Veranstaltung machte uns die Reiseleitung auf ein „Themen-Restaurant“, aufmerksam, wo ausgezeichnete bulgarische Küche serviert wird. Da wir uns endlich mal beim Abendessen unterhalten wollten, bestellten wir dort einen Tisch. Aufgrund von Platzmangel konnten wir erst in 2 Tagen hinein. Aber unsere Urlaubsbekannten, Gabi und Detlef hatten Glück: sie durften schon morgen die erlesenen Speisen probieren. Gleich danach interviewten wir die beiden voller Neugier. Na, wie war es denn?

Gabi, die sich besonders schick für dieses Essen gemacht hatte, fing an zu erzählen: „Es ist ein kleiner Saal mit ca. 10 Tischen, schön eingedeckt. Der Kellner servierte einen kleinen Schnaps als Aperitif, danach folgte ein Süppchen oder der Gang zur Salatbar. Die war genau die gleiche, wie im großen Restaurant. Ein Glas Weiß- oder Rotwein wurde serviert. Und endlich: wir warteten gespannt mit angehaltenem Atem…., der Kellner brachte den Teller mit dem Hauptmenü. Voilà!“ Sie machte eine kunstvolle Pause. „Mach es doch nicht so spannend, was gab es denn?“ fragten wir nach. „Auf dem Teller war ein Stück Lasagne, zumindest als solche erkennbar. Daneben Gemüse, kleine Fleichbällchen und irgendeine Sorte Fleisch dazu. Abgerundet wurde das ganze mit Pommes und Reis. Anders gesagt: es war ein großer Teller, voll gepackt mit alle dem, was es drüben, im großen Restaurant auch gibt. Ein Misch-Masch-Teller.“ Gabi und Detlef schüttelten den Kopf. „Stellt euch vor, den gleichen Riesenteller gab es auch für die Kinder. Uns tat der Kellner leid; fast alle ließen die Teller unberührt zurückgehen. Man konnte es unmöglich essen. Gabi war mehr als enttäuscht. Detlef brachte die Sache auf den Punkt: „Ich brauche jetzt erstmal einen Cognac“, sprach und ging an die Theke. Wir folgten betreten. Überflüssig zu sagen, dass wir unsere Tischreservierung storniert haben. Ein paar Tage später sprachen mit anderen Gästen, die das Restaurant auch besucht hatten. Irgendwie müssen die Verantwortlichen es doch merken, dass das Konzept nicht stimmt. Allein schon an den vielen Tellern, die kaum angerührt, zurück in die Küche getragen wurden. Doch auch hier Fehlanzeige: Das Essen lief immer noch im gleichen System, es hat sich nichts geändert.

Ein anderes Thema waren die Liegen. Sie waren zwar vorhanden, aber ohne Auflagen. Und da hatten wir noch wirklich Glück gehabt, denn die Liegen wurde an unserem Ankuftstag gebracht. Die Gäste, die schon 1 Woche dort waren, erzählten uns, dass sie auf Stühlen am Pool gesessen haben. Es gab sogar einen Tag in der Woche, da hatte das Hotel keine Softdrinks und kein Wasser mehr. Den aufgebrachten Leuten wurde ein Lebensmittelgeschäft im besagten kleinen Ort empfohlen. Und das bei der Menge Kinder, vom All-Inclusive ganz zu schweigen. Ich denke, dieses Management muss noch einiges über Hotelführung lernen.

Doch zurück zu den Liegen; die waren also inzwischen angekommen. Aus weißem Kunststoff, leicht, praktisch und stapelbar. Was nicht mitgekommen war, waren – wie gesagt - die Auflagen. Vielleicht wollte man hier ganz anonym den Härtetest für den Rücken durchführen? Die Ergebnisse hätte ich gern erfahren. Nach ein paar Stunden auf dieser Liege hatte man wunderschöne Streifenmuster auf der Rück- oder Vorderseite des Körpers, je nach Lage. Da half auch nicht das Badetuch, das man uns zur Verfügung stellte.

Ach ja, und die Sonnensschirme, die muss ich auch noch erwähnen. Die waren absolute Mangelware und daher sehr begehrt. Wir haben mal nachgezählt: auf 437 Zimmer, voll ausgebucht, kamen genau 20 Schirme. Bei 35 Grad C hielt man es einfach ohne Schatten nicht aus. Die Alternative für Nicht-Schirm-Besitzer lautete also: Sonnenbrand oder ab ins Zimmer. Kein Wunder als, dass die genervten Leute versuchten, abends die Schirme mit aufs Zimmer zu schmuggeln. So auch Gabi und Detlef. Schnell wollten wir uns anschließen, doch inzwischen wurde ein richtiger Sport daraus, da alle Urlauber nach dem Abendessen die Liegen mit den Schirmen umkreisten, um dann – ganz unauffällig – schwupp, einen herauszuziehen und schnell Richtung Zimmer verschwinden. Doch was wäre ein „gutes Hotel“, wie dieses ohne Security-Mann? Dieser hatte Augen wie Luchs und endlich mal eine „richtige“ Aufgabe: Schirme bewachen. Den Detlef erwischte er schon am dritten Tag. Er bedachte ihn mit einem bulgarischen Wortschwall und entriss ihm das kostbare Gut. Detlefs Argumente und Wut ließen ihn ziemlich gleichgültig, sprach er doch kein Deutsch. Am nächsten Tag beschloss dann Gabi dem ganzen ein Ende zu machen und kaufte im Ort einen Schirm. Sie habe keine Lust auf Sonnenbrand und keinen Nerv auf das Kriegsspiel mit der Security. Stolz platzierte sie ihr erworbenes Stück neben der Liege und sank friedlich auf die Liege. Nicht allzu lange. Der Rücken verlangte sein Recht und Gabi suchte nach einer Lösung. Klar! Eine Luftmatratze muss her! Wir marschierten geschlossen ins Städtchen und rüsteten unsren Liegeplatz am Pool mit einer grün gestreiften Matratze vollwertig auf. Das Hotel war dankbar: 2 Nörgler weniger. Die Nachbarn auch: begeistert griffen sie die Idee auf. Traf man im Ort einen unbekannte Urlauber, der stolz einen Sonnenschirm oder Luftmatratze trug, brauchte man nicht nachzufragen, in welchem Hotel dieser arme Mensch untergebracht war. Die Antwort war immer die gleiche: in Miramar, in unserem natürlich. Übrigens; fast niemand nahm den Schirm oder die Matratze mit nach Hause, sie blieben hier. Und so kam das Hotel im Endeffekt doch noch zu einer schönen Anzahl an Schirmen. Klevere Strategie, oder?

Im Grunde genommen sollten wir unsrem Schicksal dankbar sein. Hätten wir nur 1 Woche früher gebucht, hätten wir noch mehr solche Erfahrungen sammeln können und diese sind von jener Sorte, auf die man besser verzichtet. Dass es nichts zu trinken gab, habe ich schon erwähnt. Dass aber das gute Nass auch im Pool fehlte, war schon schwer zu verstehen. Denn ein Pool ohne Wasser ist wie ein Flugzeug ohne Flügel; beides ist nicht zu gebrauchen.

Ein anderer Gast fand solch eine unbedeutende Kleinigkeit, wie eine kaputte Glasscheibe in seinem Bett. Er hatte sich das Bein verletzt und suchte an der Rezeption Hilfe, als Gabi und Detlef dort ebenfalls ihren Kummer loswerden wollten. Bis zu unserer Abreise war nicht geklärt, wie diese Scheibe dahin kam. Eine andere Glasscheibe und zwar die Balkontür lehnte elegant an der Wand des Zimmers. In der Eile hatte der Fensterbauer wohl vergessen, diese einzusetzen. Der Eröffnungstermin musste ja gehalten werden; koste es was es wolle! Wenn auch den guten Ruf….

Eine andere Überraschung erlebte eine junge Familie, die den Voucher für die zweite Verlängerungswoche nicht pünktlich abgegeben hatte. Als sie ihr Zimmer betraten, hatten „fleißige Helfer“ die komplette Garderobe aufs Bett gelegt und alle Kosmetika aus dem Bad entfernt. Dieses Erlebnis werden die beiden nicht so schnell vergessen. Und da das Hotel immer für eine Überraschung gut ist, kam auch ein anderes Pärchen nicht mehr in ihr Zimmer herein. Karte gesperrt: Pech gehabt! Die Erklärung der Rezeption war eindeutig: „Wir dachten, sie sind schon gestern abgeflogen“ Wie und das geht einfach so? Ohne auszuchecken? Merkwürdig…, aber gut zu wissen.

Unser Zimmermädchen war eine nette, ruhige Frau. Mit Hilfe des Wörterbuches versuchten wir ihr klar zu machen, dass wir seit dem Ankuftstag kein Duschgel mehr bekommen haben. Ich hatte ja alles mit, nur ausgerechnet Duschgel nicht. Ich dachte, was willst du diese Flaschen mitschleppen, du bist ja in einem tollen Hotel, da brauchst du dich umso etwas nicht zu kümmern. Falsch gedacht. Das Zimmermädchen nickte freudig und gab uns 2 kleine Päckchen Duschgel. Damit war die Sache für sie erledigt. Als wir am nächsten Tag schon wieder Duschgel von ihr wollten, war sie doch recht erstaunt. Ein bulgarischer Gast, der gerade an unsrer offenen Tür vorbeiging und das „internationale“ Gespräch mitbekam, übersetzte freundlicherweise. Das Gesicht der Frau war ein einziges Fragezeichen. Der Bulgare schüttelte ebenfalls ungläubig den Kopf. Was war los? Unsere Neugier wuchs. Wir wurden schnell aufgeklärt: Niemand hatte dem Zimmermädchen gesagt, dass sie jeden Tag Duschgel nachlegen sollte. Niemand hat sie überhaupt richtig eingewiesen. Sie war allerdings so froh einen Sommerjob in solch einem großen Hotel zu bekommen, dass sie es gar nicht wagte irgendwen, irgendwas zu fragen.

Als die Beschwerdeflut immer größer wurde, kam irgendwer vom Management auf eine geniale Idee. Eines Tages, beim Abendessen, wurden uns Blätter mit Kugelschreibern auf den Tisch gelegt. Eine besonders wichtig aussehende junge Frau erklärte uns, dies wäre eine Umfrage. Na endlich sind sie aufgewacht, dachten wir. Her mit den Blättern. Die Wahrheit will ans Tageslicht! Die Ergebnisse müssen wohl niederschmetternd gewesen sein. Man konnte das ganze „life“ miterleben: es gab wohl keinen einzigen Gast, der die Rubrik gut oder gar sehr gut angekreuzt hatte.

Ein paar Tage später, wir trauten unseren Augen nicht, wurden die Liegen am Pool ordentlich aufgereiht, der Strand gesäubert, Blumenbeete bepflanzt und sogar 2 Fußduschen am Hauptpool installiert. Leider nur dort. Wohin mit den sandigen Füssen, wenn man direkt vom Strand zum kleinen Pool kam? Hier haben wir noch keine Lösung gefunden. Leider hatte die Umfrage nicht die nötige Macht, das Essen zu ändern oder besser gesagt, den Koch auszutauschen.

Morgen reisen wir ab. Den Strand und das Meer werden wir vermissen. Dieses Hotel mit Sicherheit nicht; denn Erfahrung macht nicht nur klug, sie macht auch traurig.

2006-07-13

 

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