Gabriela Rodenbach
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Es gab viele Traditionen in unserem Hause, aber eine davon begleitet mich, mit immer wieder anderen Varianten, durch mein Leben. Ich spreche hier von dem Weihnachtskarpfen. Pünktlich zum Fest liegt ein Prachtexemplar von staatlicher Größe, gebraten in brauner Butter, garniert mit Petersilienkartoffen und geschmortem Sauerkraut nach einem alten Familienrezept auf einer weißen Porzellanplatte, mitten auf dem festlich gedeckten Tisch und schaut uns an. Wir schauen zurück. Je nach Verfassung, voller Verlangen, fast schon gierig, mit ein wenig Mitleid, oder erwartungsvoll, mit einem Lächeln im Gesicht. Während unsere Augen den zart duftenden Fisch bestaunen, ruft uns unsere Mutter zur Ordnung und wir erheben uns von den Stühlen. Nach dem Tischgebet wird die Tradition der guten Wünsche zelebriert. Jeder von uns hält einen kleinen Oblaten, aus dünnem Esspapier, mit kirchlichen Motiven verziert, in der Hand. Reih um bietet er jedem am Tisch ein Stückchen davon an und spricht dabei einen kleinen Wunsch für ihn aus. Je nach Anzahl der Familienmitglieder kann sich diese Zeremonie ein wenig hinziehen. Umso erleichterter ist jeder, als endlich alle wieder sitzen und Vater das Objekt der Begierde festlich zelebriert.
Ich und mein Bruder sind wohl die einzigen, die ihren Gefühlen das Mitleid beimischen. Wir kennen den Karpfen schon so ewig lange. Er ist ein fester Bestandteil unserer Kindheit und wir kennen mehr als 100 Geschichten, die sich um diesen „Freund“ ranken. Hier ist eine davon:
Als wir klein waren, war es nicht einfach einen Karpfen auf den Tisch zu bringen. Es war die Zeit nach dem Krieg, in der vieles nur mit guten Beziehungen möglich war. „Vitamin B“ nannte es mein Vater. „Vitamin B schadet nur demjenigen, der es nicht hat“, war sein Wahlspruch.. Er kannte viele Leute, doch in dieser Zeit besuchte er auffallend oft seine Anglerfreunde. Gegen eine gute Flasche im Tausch gegen einen Karpfen hatten diese nichts einzuwenden. An diesem besonderen Weihnachtsfest, an das wir noch oft denken werden, kehrte er mit zwei Fischen zurück. Als er dann mit stolzgeschwellter Brust die beiden Karpfen in die Zinkwanne gleiten ließ, erschien auf Mamas Gesicht ein glückliches Lächeln. „Luxus pur“, sagte sie. „Da können wir gleich noch Tante Klara und Onkel Paul einladen“.
Vater nickte zustimmend und ging dann sofort in den Keller um ein paar Stücke Kohle zu holen. Wir beide staunten nicht schlecht, als er diese in die Zinkwanne gleiten ließ. „Warum das?“, wollte mein kleiner Bruder wissen. „Für den Sauerstoff“, war die kurze Antwort, „damit die Fische atmen können“. Aha. Wir hatten zwar nichts verstanden, aber Vater wird’s schon wissen. Mein Bruder und ich waren der Meinung, dass Vater meistens wusste, was er tat. Nur selten, dass er sich bei so wichtigen Dingen wie, Längeraufbleiben dürfen, Süßes naschen, Hausaufgaben vergessen, irrte. Aber wenn, dann so gründlich, dass es uns beiden noch Wochen im Gedächtnis blieb.
Die zwei Tage bis Weihnachten wurden lang. Unendlich lang. Irgendwie ließ sich das Christkind diesmal sehr viel Zeit. „Vielleicht hat es unsere Adresse vergessen“, mutmaßte mein Bruder. „Vielleicht sollten wir ihm eine besondere Überraschung machen, ihn mit etwas erfreuen…“ Ja, das war eine gute Idee. Ich stimmte ihm zu und wir beiden versanken in unseren Gedanken. Über was würde sich wohl so ein Christkind freuen? Wir könnten ja unser Spielzeug mit ihm teilen. Aber nachdem wir die Spielkiste inspiziert und nichts Schönes - und für das Christkind Würdiges - gefunden haben, ließen wir diese Idee fallen. Wir saßen schweigend in der Küche, allein mit den beiden Karpfen, die emsig in ihrer Wanne schwammen. Vater hatte diese in eine ruhige Ecke gestellt, wo sie niemanden störten. Wir hatten inzwischen Freundschaft mit den beiden geschlossen und wie es sich bei Freunden gehört, ihnen schöne Namen gegeben. Der etwas Kleinere, mit den lustigen Glubschaugen hieß August, sein Bruder oder Vater, wir wussten nicht, wie der Verwandtschaftsgrad war, hörte auf den tollen Namen Anton. Er war schon eine gewichtige Persönlichkeit, der den meisten Platz in der Wanne für sich beanspruchte. Wir hockten uns stumm davor und starrten August und Anton an. Und genau da, in diesem Moment, hatte ich diese tolle, einzigartige Idee!
Ich sprang auf lief ins Bad, öffnete das kleine Schränkchen in dem Mutter ihre verschiedenen Kosmetika und Badeutensilien aufbewahrte. Mein Bruder folgte mir aufgeregt: „Sag schon, was ist los? Was ist Dir eingefallen?“ Ich setzte eine wichtige Miene auf, die ich immer drauf hatte, wenn ich meine Autorität als ältere Schwester betonen wollte. „Hier“, ich hielt eine kleine Flasche mit gelber Flüssigkeit in die Höhe. „Das ist das besondere Badewasser, das nur Mama benutzen darf“. Mein Bruder nickte. Er wusste, dass es uns bei Strafe verboten war, dieses kostbare Wasser in die Wanne zu gießen. Selbst Mama badete darin nur ganz selten, sie sparte sich diese schöne Essenz für besondere Ereignisse auf. Ehrfurchtsvoll entkorkte ich die Flasche und roch daran. Ein Duft aus Rosen, Zimt und Vanille stieg in meine Nase. Er war so stark, dass ich niesen musste. Vorsichtig trug ich das Fläschchen in die Küche. Vor der Zinkwanne blieb ich stehen. „Wir werden August und Anton für das Fest schön machen. Wir baden sie in diesem Luxuswasser, dann schimmern sie auch so golden und duften gut! Das wird dem Christkind bestimmt gefallen. Mama sagt doch immer, wir müssen morgen besonders brav und sauber sein.“ „Toll“! Mein Bruder war begeistert.
Wir holten uns zwei Lappen und gossen vorsichtig etwas von diesem Badewasser darauf. „Ich wasche den Anton“, verkündete mein Bruder und wir beide legten los. Die beiden undankbaren Karpfen wichen unseren Waschversuchen geschickt aus, aber je mehr sie sich sträubten, desto größer wurde unser Ehrgeiz. Doch trotz aller Bemühungen wollten die beiden nicht wirklich glänzen, aber toll geduftet haben sie schon. Als die Flüssigkeit aufgebraucht war, sah das Wasser sehr schön aus: goldene, zarte Schaumflocken umhüllten die Oberfläche. August und Anton sahen mit den Schaumkrönchen auf ihren Körpern wie wahrhaftige Könige aus!
Die beiden Fische schienen sich auch ein wenig darüber zu freuen, denn sie drehten ihre Runden wie wild und schnappten vor Begeisterung immer wieder mit weit geöffneten Mäulern nach Luft. Uns war es, als ob sie stumme Freudenschreie von sich gaben. Damit unsere Eltern nicht gleich die tolle Überraschung sahen, deckten wir die Wanne mit einem Tischtuch zu. Die beiden Karpfen protestierten nicht, sie wurden irgendwie ruhiger. Vielleicht waren sie müde geworden, so ein Bad kann ganz schön anstrengend sein, das wussten wir aus Erfahrung! Bevor ich ins Bett ging, lief ich noch einmal heimlich in die Küche und schaute nach ihnen. „Gute Nacht“, flüsterte ich. Doch sie schliefen bereits. Sie hatten sich bequem auf den Rücken gelegt und ließen sich vom Wasser tragen, ohne sich zu rühren. Sie sahen beide wunderschön gold glänzend aus und ich war sehr stolz auf uns.
Wir lagen noch friedlich in unseren Betten als wir Mamas aufgeregte Schreie aus der Küche hörten. Mein Bruder stupste mich an: „Jetzt! Sie hat die Überraschung gefunden!“ Dessen war ich mir auch sicher, nur klang ihre Stimme nicht voller Freude, sondern… Wie soll ich es sagen? Anders! Als sie mit der Tischdecke in der Hand in unser kleines Zimmer hereinrauschte und bebend vor dem Bett stehen blieb, genügte ein Blick in ihr Gesicht um zu wissen; irgendetwas muss schief gelaufen sein. Mama sah nicht erfreut aus! „Was habt ihr euch dabei gedacht?“, ihre Stimme überschlug sich und brach ab. Von dem Lärm angelockt erschien Vater im Zimmer. Er schaute ziemlich ratlos uns und dann Mama an, die ihm die Tischdecke zuwarf. „Die Karpfen“, war alles, was sie sagen konnte. Sie fing an zu weinen. Von der Stimmung erschrocken, stimmten mein Bruder und ich mit ein. Vater rannte in die Küche. Als er wieder in unser Zimmer zurückkehrte, nahm er Mama wortlos in den Arm und führte sie hinaus. Mit dem berühmten Satz „Wir sprechen uns noch“, verließ er das Zimmer.
Den ganzen Tag verbrachten wir brav und sauber (!) in unserem Zimmer. Wir spielten leise, fast flüsternd und hörten mehr auf die Geräusche aus der Küche. Mama ließ sich nicht blicken, nur Vater schaute ab und zu nach uns. „Warum habt ihr den Badeschaum in die Zinkwanne gekippt?“ seine Stimme klang streng. „Wir wollten die Karpfen fürs Christkind schön machen. Als Überraschung und auch für euch…“ ich senkte meine Augen. Vater sagte lange nichts. Dann ging er hinaus, zu Mama in die Küche. Wir hörten ihre leisen Stimmen, die ab und zu aufgeregt klangen und dann mit einem Lachen endeten. Endlich erklang das Glöckchen und Vater holte uns ins Wohnzimmer. Mama stand unter dem Weihnachtsbaum und lächelte. Wir beide liefen zu ihr hin und versanken erleichtert in ihren Armen.
Zum Abendessen gab es Heringsstipp und viel Getuschel unter den Tanten und Onkeln, die Mama eingeladen hatte. „Karpfen in Miniformat“, stellte Vater das Abendessen vor und plötzlich lachten alle am Tisch. Mein Bruder und ich wunderten uns zwar, dass August und Anton nicht mehr da waren, aber vielleicht haben die beiden dem Christkind so gut in ihrem Glanz gefallen, das es gleich beide zu sich genommen hatte. War ja schließlich seine Überraschung!
Wenn ich heute Weihnachten nicht daheim sein kann und wohlmöglich in der Hitze und unter Palmen dem Schnee und Tannenbaum nachtrauere, dann versuche ich zumindest einen Karpfen zu bestellen. Manchmal ist auch das nicht möglich. Dann muss halt ein anderer Fisch auf die weiße Porzellanplatte. Im Maul trägt er dann einen Zettel: „Karpfen inkognito!“ Schöne Weihnachten!2009-12-22