Groß war die Freude, als wir erfuhren, dass meine Tochter Natascha das erste Mal mit zu den Weltmeisterschaften der Ringerinnen der Altersklasse Kadettinnen fahren durfte. Eine lange Reise stand bevor, denn die WM fand in diesem Jahr in Guatemala statt. Hätte ich zum Zeitpunkt der Nominierung schon gewusst, was uns beiden bevorstehen würde, wäre die Vorfreude nicht ganz so groß gewesen.
• Samstag, 26. August 2006
Vor der großen Fahrt wurde wie immer alles durchgecheckt - wohl nicht gut genug wie sich später herausstellte. Gut gelaunt und ahnungslos ob der Dinge, die noch kommen würden, fuhr Natascha mit dem ICE zum Frankfurter Flughafen. Am vereinbarten Treffpunkt empfingen sie die anderen Teammitglieder und Betreuer. Es wurde eingecheckt, das Gepäck aufgegeben und zum ersten Mal der Pass kontrolliert. Auf dem Weg zum Gate und durch die Sicherheitskontrollen wurde der Pass erneut kontrolliert (anscheinend war immer noch alles ok).
Doch beim Boarding kam der große „SCHRECK“: Natascha durfte nicht mit ins Flugzeug, weil sie kein Visum für den Zwischenstopp in Los Angeles in ihrem vorläufigen Reisepass hatte. Später stellte sich heraus, dass seit dem 1. Mai 2006 neue Einreisebedingungen in die USA bestehen. Mit einem vorläufigen Reisepass benötigt man ein „Visum“ – selbst wenn man nur für wenige Stunden auf einem US-Flughafen zwischenlandet.
Da die Sportkameradinnen und Betreuer nicht warten konnten, war Natascha auf sich allein gestellt. Nun hieß es den Flug umzubuchen und ein Visum zu besorgen. Aber wie? Natascha ging zum Ticketschalter der United Airlines und schilderte ihre Misere. Es war kein Problem, den Flug auf Montag, 28. August (zwei Tage später), umzubuchen. Freundlicherweise teilte man Natascha auch mit, dass sie das Visum am amerikanischen Konsulat bekommen würde. Dieses würde am Montag um 7 Uhr öffnen (hätte sie mal genauer nachgefragt).
Nun musste sie nur noch die Koffer zurückbekommen. Sie suchte den zuständigen Sicherheitsbeamten, den sie auch gleich fragte, wo denn das amerikanische Konsulat zu finden sei. Der freundliche Mann teilte ihr mit, dass dies der Dokumentenservice am Flughafen im Abschnitt C sei. Dort würde sie das Visum bekommen (großer Fehler!). Ihr Gepäck in Händen, fuhr Natascha mit dem ICE (56 Euro extra) wieder heim
• Montag, 28. August 2006
Nach einem relaxten Sonntag teilte ich Natascha mit, dass ich kurzfristig einen Tag Urlaub nehmen würde, um sie zum Flughafen zu fahren (zum Glück). Am Montag standen wir um 4 Uhr in der Früh auf und machten uns auf dem Weg. Da der Abflug zwar erst um 14 Uhr war, wir aber noch das Visum besorgen mussten, wollten wir die ersten sein, die um 7 Uhr am Schalter des Dokumentenservice am Flughafen stehen.
Wir kamen um 6.30 Uhr ohne Probleme am Flughafen an und fanden auch den besagten Schalter, wo Natascha das Visum bekommen sollte. Aber der Schalter machte nicht um 7 Uhr sondern erst um 8 Uhr auf (komisch!). Aber egal, es stand ja groß und breit „Visum“ auf dem Schild über dem Schalter. Sogar eine Broschüre mit Informationen über die Änderung der Einreisebedingungen mit einem vorläufigen Reisepass lag aus. Also warten! In der Zwischenzeit telefonierte Natascha mit ihrem Arbeitgeber wegen der Verlängerung ihres Sonderurlaubes um zwei Tage. Dies war kein Problem (wenigstens etwas funktionierte).
Endlich, um 8.15 Uhr tat sich was. Es kam eine Frau, die zunächst einmal in aller Seelenruhe ihren Rechner hochfuhr. Erst dann durften wir unser Anliegen vorbringen. (und damit ging die Misere, die Samstag begonnen hatte weiter). „Wie - Visum für die USA?“ fragte die Frau, „das bekommen sie hier nicht. Da müssen sie zum amerikanischen Konsulat nach Frankfurt in die Innenstadt.“
Na ja, wir haben ja noch ca.
• fünf Stunden Zeit bis zum Eincheck-Schluss „13 Uhr“.
Am Ticketschalter der United Airlines erhielten wir die Adresse des amerikanischen Konsulats. Die freundliche Dame am Schalter meinte, dass noch genug Zeit wäre und es bis zum Konsulat nur 15 Kilometer sind (ja, aber durch die Innenstadt!). Mit der Adresse in der Hand und dem Gepäckwagen rannten wir zu unserem Auto ins Parkhaus (waren ja nur ca. 700 Meter). In der Höhe des Parkkartenautomaten drückte ich Natascha den Gepäckwagen in die Hand, ging das Parkticket bezahlen und rannte hinter Natascha her. Sie steckte in der Verbindungstür zum Parkhaus mit dem Wagen fest und kam nicht weiter (hier legte sie wohl die Geldbörse mit Ausweis in den Gepäckwagen, aber dazu kommen wir später).
Ich nahm ihr den Wagen wieder ab, wir rannten bis zum Auto und sie warf ihre Taschen in den Kofferraum.
• Nur noch 4:30 Stunden Zeit bis zum Eincheck-Schluss „13 Uhr“.
Um 9.15 Uhr trafen wir dank Navigationsgerät (und trotz strömenden Regens) am amerikanischen Konsulat ein. Um ins Konsulat zu kommen, musste man sich erst mal in der Schlange an der Information anstellen. Natascha reihte sich ein, während ich einen Parkplatz und dann in ihrem Rucksack ihre Geldbörse und Ausweis suchte, die jedoch (oh Schreck) unauffindbar waren.
Gemeinsam überlegten wir beide, ob sie die Papiere am Ticketschalter der United Airlines oder im Gepäckwagen liegen gelassen haben könnte. Also mit dem Auto zurück zum Flughafen. Unterwegs telefonieren wir mit dem Fundbüro und dem Ticketschalter. Doch es wurde nichts abgegeben (das war’s, dachten wir). Unsere letzte Hoffnung war, dass die Geldbörse noch im Gepäckwagen lag (ha, ha). Am Parkhaus zum Flughafen angekommen, rannte Natascha sofort zu der Parkbucht, wo wir den Gepäckwagen zurückgelassen hatten. „Hurra!“ schrie sie. Alles noch vorhanden (na ja, Glück oder auch Dusel im Unglück).
Um 10.15 Uhr trafen wir erneut beim Konsulat ein. Natascha stellte sich wieder an und ich suchte wieder einen Parkplatz. Nach fünf Minuten war Natascha an der Information. „Ja“, sagte der Beamte „so einfach geht das nicht. Normalerweise müssen Visa acht Tage vorher beantragt werden. Du musst erst mal 85 Euro Bearbeitungsgebühr auf ein Bankkonto überweisen und dieses Antragsformular ausfüllen. Und außerdem benötigst du noch ein Passfoto.“
Passfoto hatten wir noch. Also ab in die Innenstadt auf der Suche nach einer Bank für die Überweisung. Natascha füllte während der Fahrt das Formular aus (was die alles wissen wollten!). Die Bank war schnell gefunden und Natascha machte eine Barüberweisung (10 Euro extra für die Barüberweisung - also insgesamt 95 Euro).
Um 10.45 Uhr waren wir wieder am Konsulat. Natascha stellte sich das dritte Mal in der Schlange vor der Information an. Endlich bekam sie ihre Nummer für den Einlass ins Konsulat. Vor dem Einlass musste sie alle elektronischen Geräte abgeben und wurde durchsucht.
• 2:15 Stunden Zeit bis zum Eincheck-Schluss „13 Uhr“
Langsam wird’s eng! Während ich draußen ausharrte (ich durfte nicht mit ins Konsulat), hörte ich von anderen, dass sie schon zwei bis drei Stunden warteten und das Visum erst nachmittags abholen könnten („Das geht niemals gut“, dachte ich mir). Die Zeit lief.
Endlich, um 12.10 Uhr rief Natascha aus dem Konsulat an, sie bekäme das Visum. Aber! - ihr Name wurde falsch geschrieben, das Visum müsste neu ausgestellt werden. Sollte aber nur zehn Minuten dauern (es waren lange 10 Minuten!). Um 12.50 Uhr kam Natascha mit dem Visum aus dem Konsulat.
• Noch 10 Minuten Zeit bis zum Eincheck-Schluss „13 Uhr“
- und der Weg zum Flughafen sollte noch eine halbe Stunde dauern. Wir waren aber schneller (zum Glück war keine Polizei unterwegs).
Am Flughafen angekommen, raste Natascha zum Ticketschalter um das Flugticket abzuholen und die Umbuchungsgebühr (weitere 135 Euro) zu begleichen. Ich parkte das Auto und kam mit dem Gepäck zum Check-In-Schalter (man, war die Strecke lang und das Gepäck schwer - aber ich bin ja zum Glück gut durchtrainiert).
Geschafft! Natascha wird noch mitgenommen. Doch halt - beim Check-In wird Natascha gefragt, was mit den Flugtickets für den Weiterflug von Los Angeles nach Guatemala und den Rückflug von Guatemala über Los Angeles nach Frankfurt ist. Was sie in der Hand hatte, war nur das Ticket von Frankfurt nach LA. Wir wieder zum Ticketschalter der United Airlines. Wir bekommen dort die beruhigende Info, es sei alles in Ordnung. Die Tickets seien elektronisch hinterlegt und können an den jeweiligen Flughäfen an dem Ticketschalter abgeholt werden („denkste“ - wie sich später vor dem Rückflug herausstellte).
Nun dachten wir, dass die Pechsträne sich gelegt hat und Natascha in Ruhe ihre WM absolvieren könne. Nach der Landung in LA meldete Natascha sich über ihr Handy und teilte mir mit, dass es für den Weiterflug keine Probleme gibt (geht ja doch, dachte ich). Sie hatte ihr Ticket für den Weiterflug und musste nur noch acht Stunden warten. Ich bat sie, sich nach der Landung in Guatemala zu melden.
• Dienstag, 29. August
Aber ich hörte und hörte nichts von ihr. Weder erreichte ich sie noch ihren Bundestrainer über das Handy. Also versuchte ich es über E-Mail. Endlich, Rückinfo vom Bundestrainer. Es war alles in Ordnung, Natascha war gut angekommen. In Guatemala funktioniere Nataschas Handynetz nicht. Die WM konnte losgehen (hierzu gibt es einen ausführlichen Bericht auf www.ac-ueckerath.de).
• Montag, 4. September
Ich dachte, dass es bei der Rückreise keine Probleme mehr geben würde – hatte damit aber weit daneben gedacht. Natascha sollte um 8:07 Uhr (deutsche Zeit 15:07 Uhr) zurückfliegen.
Als um 14.30 Uhr mein Handy mit unbekannter Nummer klingelte, hatte ich schon ein ungutes Gefühl (ich war sowieso schon um Jahre gealtert). Und richtig, die Pechsträne ging weiter (und es geht schon wieder los). Am anderen Ende des Telefons eine aufgelöste Natascha, dem Weinen nahe, mit der Nachricht, dass in Guatemala kein Ticket für den Rückflug hinterlegt sei (kann doch nicht sein, sagte ich mir). Ich beruhigte sie und bat sie, in einer halben Stunde noch einmal anzurufen
(der Flieger war sowieso schon weg).
Was machen? fragte ich mich. Nach 20 Minuten hatte ich die Telefonnummer des Ticketschalters der United Airlines herausbekommen. Hier teilte man mir mit, dass nur der Hinflug als Umbuchung, aber nicht der Rückflug registriert sei (was soll das denn?). Um tätig werden zu können, benötigten sie eine Nummer, die auf dem Flugticket stehen würde. Also Warten auf Nataschas Rückruf und Nummer abfragen. Doch nun war Nataschas Telefonkarte leer. Sie kaufte eine neue und gab mir die benötigte Nummer durch.
Erneuter Anruf beim Ticketschalter der United Airlines. Ein neuer Sachbearbeiter und weitere fünf Minuten bis zur Klärung der Sachlage. Weitergabe der benötigten Nummer – Warten auf Klärung – Abbruch der Verbindung. Dritter Versuch – neuer Sachbearbeiter – weitere fünf Minuten bis zur Klärung der Sachlage.
Es stellte sich heraus, dass aus irgendeinem Grund der Rückflug nicht umgebucht worden war. Eine Umbuchung auf einen neuen Flug (ein Tag später, selbe Zeit) würde weitere 135 Euro (!) kosten. Ich gab meine Kreditkartennummer durch. Aber die Sachbearbeiterin teilte mir mit, dass Kreditkarten nur akzeptiert würden, wenn sie vorgelegt werden.
In diesem Moment rief Natascha wieder an und konnte mir zum Glück mitteilen, dass sie genügend Bargeld für die Umbuchungsgebühr hätte. Mit der Umbuchungsnummer konnte sie das Flugticket abholen. Ich bat sie, mir eine Rückinfo zu geben.
Endlich war alles in Ordnung. Natascha hatte das Ticket für den Rückflug, konnte zurück zum Hotel fahren und sich für die eine Nacht noch ein Zimmer nehmen.
• Dienstag, 5. September
Am anderen Morgen rief sie noch mal an, dass sie nun abfliegen würde und sich aus LA noch einmal melden würde.
Auch in LA war alles in Ordnung. Ich rief den Arbeitgeber von Natascha an und bat nochmals um Verlängerung ihres Sonderurlaubes. Auch diesmal war es kein Problem.
• Mittwoch, 6. September
Wieder in Frankfurt angekommen nahm Natascha den ICE nach Köln und kam müde und erschöpft zu Hause an. Natürlich fuhr sie direkt zum Vereinstraining, um ihr Erlebnis zu erzählen.
Ich glaube von ihrer ersten Weltmeisterschaft wird man noch lange erzählen können. Ich bin nur froh, dass sie wieder heil zuhause ist.2006-09-09