0. Akt: Das Vorgeplänkel:
Abfahrt nach Klagenfurt eine Woche vor dem Rennen, direkt nach dem Abpfiff des Fußball-WM-Endspiels. Wir haben uns mit drei Athleten aus Leverkusen zusammengetan, weil diese von ihrem Verein einen Bus für die Fahrt gestellt bekommen haben. So machen wir uns also in das 950 Kilometer entfernte Klagenfurt auf.
Ankunft Montagmorgen um elf Uhr. Wir beziehen eine große Ferienwohnung cirka 300 Meter vom See entfernt. Alle sind total kaputt und wir beschließen deshalb, den Tag nach einem gemeinsamen Frühstück auf der sonnigen Terrasse eines Cafés in einer Bucht am Wasser zu verbringen.
Die letzte Woche vor dem Rennen wird nur wenig trainiert. Wir liegen viel am Wörthersee in der Sonne, gehen shoppen und essen. Nur einmal laufen wir eine Stunde zusammen und fahren am Dienstag die 90 Kilometer lange Radrunde (am Wettkampftag zweimal zu fahren) ab.
Die Wettkampfstrecken
Am Freitagabend vor dem Rennen besichtigen wir die neuralgischen Punkte der Schwimmstrecke. Man startet wieder vom Strandbad aus und schwimmt hinaus auf den See. Dann zweimal links und wieder zurück Richtung Ufer bis man in einiger Entfernung zum Schwimmstart auf den letzten 800 Metern in einen Kanal einbiegt. Dieser Kanal soll dann von einigen tausend Zuschauern gesäumt sein, welche die Schwimmer frenetisch anfeuern. Ich präge mir das Gebäude an der Mündung des Kanals ein, um vom Wasser aus besser sehen zu können, wo ich hin muss.
Die Radstrecke wurde im Vergleich zu den Vorjahren geändert, soll jetzt anspruchsvoller sein, weil sie mehr Höhenmeter (1700, laut Veranstalter) aufweist. Der Höhenmesser zeigt am Ende der Runde zwar fast 900 Höhenmeter an, mir kam es aber nicht wirklich so vor. Ich beschließe deswegen am Donnerstag vor dem Rennen (wie gewohnt) die Runde noch einmal alleine zu fahren und durchaus einmal „Gas zu geben“. Dabei verstärkt sich meine Meinung: „Es kann eine schnelle Radzeit werden.“
Die 42,2 Kilometer lange Laufstrecke beim Ironman Austria beginnt im Strandbad am Wörthersee und besitzt zwei Wendepunkte. Sie ist zweimal zu durchlaufen. Das Strandbad ist auch der Zielort. Ein Highlight der Laufstrecke ist ein zweites Strandbad durch das die Athleten laufen müssen und von den Badegästen angefeuert werden. In der anderen Richtung läuft man bis in die Einkaufsmeile der Stadt Klagenfurt. Dort ist natürlich vor den Cafés auch für Stimmung gesorgt.
Der Tag davor
Nachdem wir unsere Räder, Rad- und Laufsachen in der Wechselzone abgegeben haben, treffen wir uns Samstagabend vor dem Rennen mit einigen befreundeten Athleten beim Italiener, tauschen noch einmal Informationen über das Rennen aus und sprechen über unsere Renntaktik. Bein Abendessen guckt man, was die anderen essen: Cool die Pizza bestellen und Bier trinken oder doch Pasta und Apfelschorle, weil man nichts falsch machen will....
Sonntag, 16. Juli: Raceday!
Aufstehen 4 Uhr, Frühstücken, Schwimmsachen packen und mit dem Leverkusener Bus zum zehn Kilometer entfernten Strandbad
Hier herrscht hektische Betriebsamkeit. Die Athleten pumpen noch einmal ihre Räder auf, bringen Verpflegung am Rad an und füllen die Trinkflaschen.
Natürlich gibt es auch Verpflegung auf der Strecke. Jeder hat aber auch einige liebgewonnenen Ernährungsrituale, denen man an den Verpflegungsstellen nicht nachkommen kann. So brauchen manche eine ganz bestimmte Sorte Energieriegel oder nehmen zusätzlich Salztabletten auf der Strecke, um ihren Mineralstoffhaushalt aufzufrischen. Ich selber führe meine gesamte Ernährung in Form einer hochkonzentrierten Flüssigkeit in einer Radflasche mit mir. An den Verpflegungsstellen greife ich dann nur noch nach Wasser und hin und wieder auch Cola.
Um 6 Uhr 30 gehen wir dann hinüber zum Strandbad und ziehen die Neoprenanzüge an. Wenn ich mich hier umgucke, wird mir ein wenig mulmig: 2100 Starter (300 haben abgesagt) tummeln sich auf den Wiesen vor dem Wasser. Ich befürchte eine schlimme Prügelei beim Start. Zwischen drei Stegen, auf denen sich sonst die Leute sonnen, wird gestartet. Man hat von den Stegen aus über das Wasser Leinen gespannt. Hinter der ersten sollen sich nur die Athleten postieren, die unter einer Stunde und zehn Minuten schwimmen, hinter der zweiten dann der Rest. Um 6 Uhr 45 werden wir ins Wasser gelassen. Ich ordne mich also vorne ein und warte auf den Startschuss. Ungefähr 30 Meter vor uns starten die Profis, damit sie schnell wegkommen und auf keinen Fall ins Startgetümmel zu selbstbewusster Altersklassen-Athleten geraten. Man hat wenig Platz hier direkt hinter der ersten Leine. Die dümpelnden Athleten versuchen mit hektischen Beinbewegungen den Kopf über Wasser zu halten. Hin und wieder bekommt man deshalb auch mal einen Tritt des Nachbarn ab. Der Veranstalter spielt die Starthymne und peitscht die Athleten noch einmal an.
1. Akt: 3,8 Kilometer Freiwasserschwimmen
Punkt sieben Uhr dann der Startschuss. Wie bei einem Kurzstreckenrennen schwimme ich an und hoffe, dass mich keiner verhaut. Es klappt erstaunlich gut und ich frage mich schon, ob ich überhaupt in die richtige Richtung schwimme. Ungefähr bei jedem fünften Armzug schaue ich aber nach vorne aus dem Wasser und vergewissere mich, dass ich den Richtigen hinterher schwimme. Es scheint alles OK zu sein, obwohl man noch keine Bojen sieht, welche die Schwimmstrecke markieren sollen.
Nach 1500 Metern müssen wir dann an einer großen Boje 90 Grad nach links abbiegen. Hier wird es natürlich wieder eng, nach weiteren 300 Metern wird dann noch mal links abgebogen. Laut neuem Streckenplan geht es also jetzt in Richtung Ufer zum Kanal zurück. Ich schwimme, wie auch einige andere Athleten vor mir, auf das Gebäude an der Kanalmündung zu. Leider merke ich zu spät, dass wir da wohl nicht richtig aufgepasst haben: Denn rechts von uns befindet sich eine weitere Boje, die es zu umschwimmen gilt. Mit ein bisschen Wut im Bauch paddle ich also dorthin und nehme sie noch mit, damit ich nicht disqualifiziert werde. Was mit den Schwimmern vor mir geschieht, weiß ich nicht. Erst jetzt wird mir bewusst, dass andere Befürchtungen, die ich hatte, noch nicht eingetreten sind: Der Neopren kratzt nicht am Nacken (das kann schon mal klaffende Wunden produzieren), die Schwimmbrille ist weder beschlagen noch kommt Wasser rein... Das baut mich wieder auf.
Nach etlichen Minuten schwimmen wir dann endlich in den Kanal. Hier ist es richtig laut. Rechts und links stehen Zuschauer, feuern an und schreien Namen. Da die Kanalbreite nur cirka acht Meter misst, geht es leider nur langsam voran. Zudem befindet sich allerlei Algengestrüpp kurz unter der Wasseroberfläche. Hin und wieder habe ich davon etwas an der Schwimmbrille hängen. Kurz vor dem Ausstieg überlege ich, wie lange ich wohl unterwegs bin. Nach meinem kleinen Umweg befürchte ich Schlimmes. Trotzdem, das Zeitgefühl beim Schwimmen trügt meistens, und als ich an der steilen Rampe von Helfern aus dem Wasser gezogen werde, zeigt meine Uhr eine Stunde und drei Minuten an. Damit unterbiete ich meine bisherige Bestzeit um drei Minuten! Anscheinend bringt mein neuer Aquasphere Neopren einiges an Zeit. Zudem erfahre ich, dass mein Kumpel Harald mit dem gleichen Fabrikat zuerst die Lücke zu den Profis zuschwimmen konnte und am Ende als insgesamt sechster Schwimmer das Wasser verließ. Da ist meine Schwimmplatzierung (475.) eher bescheiden.
Nun laufe ich also zu den Ständern, wo die Kleiderbeutel hängen, schnappe mir meine Tasche mit den Radsachen, laufe ins Zelt und ziehe mich um. Hier ist sehr viel los. Ich bekomme leider keinen Platz mehr auf einer Bank und ziehe mich deswegen auf dem Boden um. Dann gebe ich den Beutel mit dem Neo vor dem Zelt ab und laufe durch die Radwechselzone zu meinem Softride. Hier stehen noch weit über 1500 der insgesamt 2200 Fahrräder. Ich bin also ganz gut geschwommen, denke ich. Vier Minuten nachdem ich aus dem Wasser kam, sitze ich dann auch schon auf dem Rad.
2. Akt: 180 Kilometer Radfahren
Ich fahre zunächst 500 Meter durch das Strandbadgelände und biege dann rechts auf die Seeuferstraße ab. Jetzt geht es zunächst 16 Kilometer direkt entlang des Wörthersees. Rechts neben mir das schöne blaue Wasser und einige kleine, aber sicher auch teure Ferienwohnungen, links geht es die Berge hoch.
Anfangs ist es – wie immer – sehr voll auf der Radstrecke. Um keine Zeitstrafe wegen Windschattenfahrens zu kassieren, gebe ich hin und wieder richtig Gas und überhole viele andere Athleten. Hier geht es zuerst auch noch tendenziell bergab. Da habe ich mit meinem kompromisslos auf Aerodynamik getrimmten Rad einige Vorteile. Als ich vom See ins Hinterland abbiege wird es schlagartig auch ein wenig hügeliger. Trotzdem fühle ich mich gut, trinke alle 15 Minuten aus der Flasche mit Energiegelen und schütte dann Wasser oder Cola nach, das ich an den Verpflegungsstellen bekomme. Auf der 90 Kilometerrunde gibt es fünf Verpflegungsstationen, also zehn insgesamt. An den Anstiegen überholen mich hin und wieder drahtige Athleten auf leichteren Fahrrädern. Oben angekommen „schnappe“ ich sie mir dann aber wieder.
Eine Radrunde besteht aus zwei Schleifen: Ein kleine neue, die einige nicht so harte Anstiege verzeichnet, und die alte 60-Kilometer-Runde mit dem sogenannten Rupertiberg. Dort geht es bis zu 12-prozentige Steigungen hoch und die tun richtig weh. Danach läuft es aber eigentlich nur noch bergab. In der ersten Runde merke ich, dass ich in vielen Kurven gar nicht soweit runterbremsen muss, wenn ich sie richtig anfahre. Auf den Abfahrten fährt man stellenweise bestimmt 70 Stundenkilometer. Schade, dass ich hier ohne Tacho fahre.
Natürlich begegnet man, gerade nach den Anstiegen, immer wieder größeren Gruppen, aber die Athleten versuchen fast immer „sauber“ zu fahren und keine Zeitstrafe zu bekommen. Nach dem Rupertiberg sieht man rechts eine imposante Berglandschaft. Wenn man, wie ich, aus dem Flachland kommt, muss man bei so einem Anblick schlucken. Riesige Felsmassive, die oben keinen Bewuchs mehr aufweisen. Ganze Täler liegen darunter im Schatten. Herrlich, denke ich, ob ich dafür in der zweiten Runde auch noch Zeit habe...?
Wieder am Strandbad angekommen schaue ich auf die Uhr: Zwei Stunden und 24 Minuten, just in time! Es läuft also alles nach Plan. Vielleicht schaffe ich sogar einen 37er Schnitt...
Jetzt also auf in die zweite Runde – das Ganze noch einmal! An einem längeren Anstieg auf der neuen Schleife überhole ich meinen Vereinskollegen Harald. Wir unterhalten uns kurz. Er sagt mir, dass er als Sechster mitten unter den Profis aus dem Wasser ist und sich immer noch gut fühlt. Bei Kilometer 120 überhole ich Lori Bowden. Die Ex-Hawaiisiegerin ist ungefähr zehn Minuten vor mir aus dem Wasser gekommen und versucht jetzt, den Abstand zu den anderen Mädels nicht zu groß werden zu lassen. Sie kann den Marathon am Schluss unter drei Stunden laufen, aber auf dem Rad fehlt ihr manchmal die Kraft. Ich muss sofort daran denken, was der deutsche Hawaiisieger Faris al Sultan bei einem Vortrag im April zu uns gesagt hat: „...bei den Schwimmerinnen und Läuferinnen kann ich nicht mithalten, im Radfahren würde ich aber mit meiner Leistung Olympiasiegerin werden...“. Männer haben also anscheinend aufgrund ihrer größeren Muskelmasse beim Radfahren überproportionale Vorteile gegenüber den Frauen im Vergleich zu den anderen zwei Disziplinen. Das sollte mir später dann noch mal klarer werden...
Das zweite Mal den Rupertiberg hoch wird echt zu einer Qual. Mittlerweile hat die Temperatur die 30 Grad Marke erreicht und bei dem geringen Tempo am Berg brennt die Sonne auf dem Rücken. Auf der Abfahrt fahre ich an eine Gruppe heran. Ein heraneilender Race-Marshall auf einem Motorrad sorgt mit seiner Trillerpfeife allerdings schnell dafür, dass alle wieder den korrekten Abstand einhalten. Um kein Risiko einzugehen und noch ein wenig Zeit rauszufahren, fahre ich weiter nach vorne. Ich fühle mich jetzt wieder gut, hatte noch keinen Muskelkrampf. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass ich auf dem Rad noch nicht überzockt habe.
In Klagenfurt angekommen geht es die letzten 500 Meter wieder durch den Park des Strandbades zur Wechselzone. Nach vier Stunden und 57 Minuten Radfahren (36,3 km/h) und der insgesamt 73. Radzeit steige ich zu Beginn der Wechselzone ab und gebe den Helfern mein Rad. Diese stellen es in einen der noch vielen freien Radständer. Ich laufe zu den Beuteln mit den Laufsachen, nehme den mit der Nummer 712 und laufe ins Zelt, um mich umzuziehen. Hier ist weit weniger los als nach dem Schwimmen und ich bekomme sogar einen Sitzplatz. Laufschuhe an, Gürtel mit der Laufverpflegung umgeschnallt und zweieinhalb Minuten nachdem ich vom Rad stieg, befinde ich mich auf der Laufstrecke.
3. Akt: Der Marathon
Hier merke ich direkt auf den ersten paar Metern, dass meine Oberschenkel einen latenten Hang zum Krampfen entwickeln. Das kenne ich vom Ironman Frankfurt im letzten Jahr und führe es auf die Umstellung zum Laufen zurück. Nach 500 Metern kommt dann der erste Krampf. Ich bleibe stehen und versuche irgendwie zu entspannen. Dehnen geht nicht, weil der Oberschenkel gleichzeitig vorne und hinten krampft. Der Mann einer Leverkusener Athletin – er steht dort, um uns anzufeuern – kommt sofort herbei gelaufen und fragt, ob er helfen könne. Ich wüsste aber nicht wie und versuche weiter zu laufen. Bei Kilometer 1,5 und 2,5 das gleiche wieder. Beim letzten Mal fragt mich eine Passantin, ob ich mich nicht setzen wolle, aber das wäre jetzt fatal. Ich werde bestimmt von zehn Athleten überholt und denke noch: „Die siehst du nie wieder“. Dabei ist bis hier hin alles so gut gelaufen. Da werden mir doch jetzt nicht so blöde Krämpfe die Tour vermasseln. Nachdem ich ein bisschen stehen geblieben bin und die Muskulatur wieder entspannt ist, laufe ich sehr behutsam weiter. Nach fünf Kilometern scheinen die Oberschenkel sich dann an das Laufen gewöhnt zu haben und ich werde langsam schneller.
Es geht zum ersten Mal auf dem Weg zum ersten Wendepunkt in das zweite kleinere Strandbad. Ich laufe von der Straße ab, am Gebäude vorbei und komme auf die Liegewiese. Dort ist die Laufstrecke mit Absperrband abgesichert. Links und rechts stehen Kinder, bieten nasse Schwämme zum Abkühlen an und feuern uns an. Das ganze dauert nur einige Sekunden. Nach 100 Metern verlasse ich das Bad direkt durch ein Gatter neben der Drehtür wieder. Kurios! Und weiter geht es zum ersten Wendepunkt durch die Straßen von Klagenfurt.
Ich überlege wie dieser wohl aussehen wird, was für eine Kulisse mich dort erwartet, ein Volksfest, Musik, Stadionsprecher... Ich bin dann schon ein wenig enttäuscht, als dort lediglich ein Verkehrshütchen auf der Straße steht und eine Registrierungsmatte dahinter liegt.
Durch diese Matten werden die Zeiten genommen und geguckt, dass keiner schummelt, indem er einfach einen Wendepunkt auslässt. Jeder Athlet trägt einen Elektrochip, der mit einem Klettband am Fußgelenk festgemacht ist. So wird man ständig registriert, wenn man über so eine Matte läuft. Das ist auch für die Zuschauer praktisch, weil diese dann am Infostand erfahren können, wo ihr Athlet sich gerade ungefähr befindet.
Es geht zurück nach Klagenfurt City, zunächst wieder in Richtung des großen Strandbads. Auf einem Teil der Strecke herrscht Gegenverkehr und ich sehe den ein oder anderen bekannten Athleten. Marcus, mein Zimmergenosse aus unserer Ferienwohnung, kommt mir auf seinem Weg zum ersten Wendepunkt entgegen und sieht noch frisch aus. Wir grüßen uns und ich denke, vielleicht könnte es heute für ihn klappen: Normalerweise hat er beim Laufen arge Probleme mit seinem Magen und finisht deswegen oft weit unter seinen Verhältnissen. Wenn alles gut läuft, müsste er aber mindestens so stark sein wie ich. Harald kommt mir auch entgegen. Der ist wie immer gut drauf und reißt die Arme hoch als er mich sieht. Seine Frau Sandra sehe ich kurz vor dem Klagenfurter Strandbad. Sie grüßt zwar auch, aber irgendwie scheint etwas nicht zu stimmen. Im Strandbad ist es stellenweise sehr eng. Auf einem schmalen Weg kommen sich die Athleten entgegen, rechts und links stehen die Zuschauer direkt an der Strecke. Einmal laufe ich fast einen Zuschauer über den Haufen. Er springt kurz vor mir über den Weg. Na ja, das ist halt der Preis dafür, dass ordentlich Stimmung gemacht wird. Jetzt laufe ich an der Wechselzone vorbei und entlang des Kanals Richtung Innenstadt. Hier überholt mich in einem kurzen Stakkatoschritt die Kanadierin Lori Bowden. Ich denke wieder an Faris’ Statement und mir wird bewusst, wie Recht er doch hat... Alle zwei Kilometer passiere ich eine Verpflegungsstelle. Cola, Wasser, einen Wasserschwamm und einen Schluck aus meiner Flasche am Gürtel, jedes Mal die gleiche Prozedur. Das ja nicht der Zucker aus dem Blut verschwindet. Es wird immer wärmer und obwohl ich eigentlich ganz stolz immer erzähle, dass ich mit Hitze ganz gut zurecht komme, bin ich über jedes Fleckchen Schatten dankbar. Wir laufen über kleine Brücken, durch kurze Tunnel, über Kopfsteinpflaster – für Abwechslung ist gesorgt.
In Klagenfurt überqueren wir eine der Hauptverkehrsstraßen und laufen durch die Fußgängerzone an den Cafés vorbei auf den Platz im Zentrum. Dort stellt ein großes Denkmal den zweiten Wendepunkt dar. Hinter diesem befindet sich mal wieder eine Zeitnahmematte. Und ab geht es auf dem gleichen Weg wieder zurück in Richtung Strandbad, Wechselzone und Ziel.
Jetzt wieder gucken, dass ich auch ja kein bekanntes Gesicht übersehe, geschweige denn vergesse zu grüßen. Das bekäme ich dann sicher nach dem Rennen vorgehalten. Harald ist immer noch super drauf, die anderen wirken eher sehr konzentriert.
Als ich das Klagenfurter Strandbad durchlaufe suche ich schon mal die Stelle, wo ich nachher in den Zielkanal abbiege. Ab hier sind es jetzt noch einmal genau 21,1 Kilometer bis ins Ziel. Die Hälfte habe ich also schon. Ich schaue auf die Uhr: Eine Stunde und 43 Minuten: Na da muss aber noch mehr drin sein, denke ich. Das wäre allerdings das erste Mal, dass ich die zweite Hälfte schneller laufen würde...
Jetzt also wieder das gleiche wie auf der ersten Runde: kleines Strandbad, Wendepunkt und zurück. Als ich Marcus wieder begegne, sieht der gar nicht mehr so gut aus. Er hat anscheinend Nasenbluten und läuft mit einem Taschentuch in der Nase. Wenn sonst aber alles OK ist, müsste er trotzdem noch unter zehn Stunden reinkommen.
So ganz frisch fühle ich mich aber auch nicht mehr. Trotzdem, obwohl ich mittlerweile an jeder Verpflegungsstation kurz zum Trinken stehen bleibe, bin ich schneller unterwegs als auf meiner ersten Runde. Zum vorletzten Mal die Wechselzone passierend, nehme ich mir vor, nach dem letzten Wendepunkt in der City zu laufen was geht, auch wenn ich dann den ein oder anderen Bekannten übersehe. Jetzt noch einmal um das Denkmal und ab ins Ziel. Ich atme mittlerweile genauso schwer wie auf der Laufstrecke eines Kurzdistanzrennens. Das ist aber ein gutes Zeichen, dass ich verhältnismäßig schnell unterwegs bin.
Die letzten beiden Verpflegungsstationen bei Kilometer 38 und 40 lasse ich aus, nehme nichts mehr und gebe Gas. Kurz vor dem Einlauf in den Zielkanal rempelt mich ein anderer entgegenkommender Athlet in einer engen Passage ordentlich an. Das sorgt noch einmal für den richtigen Adrenalinschub für den Zieleinlauf. „Er hat mindestens noch zehn Kilometer zu laufen, ich bin gleich im Ziel“, sage ich mir. Ich biege in den Zielkanal ein. Es geht zuerst ungefähr 300 Meter am Wörthersee vorbei. Hier stehen Absperrgitter links und rechts. Die Zuschauer stehen dahinter. Vor mir ist alles frei. Ein schöner Anblick, wenn man so lange nur Läufer gesehen hat. Ich gucke mich um. Kommt da von hinten noch einer? Jemand der mich vielleicht noch überspurtet, mir eventuell den Hawaiistartplatz wegnehmen könnte? Nein, hinter mir ist alles frei. So kann ich die letzten Meter also richtig genießen. Ich biege links ins Stadion ab und laufe unter dem Jubel der Zuschauer und durch die Cheerleader auf das Zieltor zu. Ich sehe die Zeit 9:30! Wahnsinn! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Meine bisherige Bestzeit habe ich somit noch mal um elf Minuten unterbieten können. Den Marathon bin ich zum erstem Mal in meinem Leben progressiv in 3 Stunden 23 gelaufen (zweite Hälfte 1:40). Jetzt bin ich gespannt, ob das für die WM-Quali gereicht hat....
4. Akt: Finishlineparty
Nach dem Zieleinlauf wieder das übliche Prozedere: Ein Helfer, der mir die Medaille umhängt, ein weiterer, der sich nach meinem Befinden erkundigt und mich zum Massage-, Dusch- und Fresszelt begleitet und mich, wie einen Bekloppten, die ganze Zeit fragt, ob alles in Ordnung sei. Putzig, wie man sich um mich sorgt. Aber die werden sicher wissen warum. Wenn die ganze Last einmal von den Schultern abgefallen ist, kommt es sicher vor, dass manch einer unverhofft zusammenbricht.
Nach einem kleinen Snack und ein paar Getränken, lasse ich mir meine Urkunde ausdrucken: 9:30:33 Stunden, 75. Gesamtrang. Leider steht die Altersklassenplatzierung nicht drauf, so weiß ich also immer noch nicht, ob ich dieses Jahr nach Hawaii darf. Platz 75 lässt aber bei insgesamt 50 Hawaiislots vermuten, dass es mal wieder nicht geklappt hat. (Später erfahre ich, dass ich rund zehn Minuten zu langsam war). Dann geht es in die Dusche. Natürlich tut mir alles weh und Duschen dauert heute ein wenig länger als sonst. Es ist aber immer noch nicht so viel los. Man muss nirgendwo anstehen. Das ist der Vorteil, wenn man weiter vorne ins Ziel kommt. Aber auch jetzt schon werden einige Athleten mit der Trage ins Zelt gebracht. Meistens sind sie einfach unterzuckert. Nach einer Glukose-Mineralstoffinfusion sind sie dann wieder fit. Ich gehe nun an die Strecke zurück um die anderen Athleten anzufeuern. Harald kommt 70 Minuten nach mir als Zweiter unserer Gruppe rein. Marcus hat leider zum Nasenbluten noch Magenbeschwerden bekommen, wird aber auf jeden Fall finishen. Die anderen kommen nach und nach auch in Richtung Ziel und jeder ist am Ende froh, dass sie/er es geschafft hat.
Nach einiger Zeit sind dann alle wieder einigermaßen erholt und wir wollen unsere Sachen aus der Wechselzone holen. Die Kleiderbeutel haben wir auch ziemlich schnell, allerdings muss jedes einzelne Rad durch einen Helfer kontrolliert werden, bevor man es mitnehmen kann. Das ist zwar durchaus sinnvoll, um Diebstähle zu verhindern, jedoch hätte man mehr Kontrollstellen einrichten können oder wenigstens Getränke ausschenken können. Jedenfalls warten wir mit unsere Rädern fast 45 Minuten in einer Schlange, bevor wir raus dürfen. Bei uns ist das nicht so schlimm, andere Athleten sind aber nicht mehr so fit und zwei kippen dann auch um, müssen durch den Arzt versorgt werden. Das ist also noch verbesserungsfähig, liebe Österreicher!
Nachdem wir dann endlich die ganzen Klamotten im Bus haben, gehen wir zurück zur Finishline-Party. Mittlerweile haben wir 23 Uhr, das Stadion ist voll, Moderatoren peitschen die Zuschauer an, Cheerleader tanzen im Zielkanal und alle begrüßen die letzten Läufer. Um Punkt 24 Uhr, zum Zielschluss, soll es ein großes Feuerwerk über dem Wörthersee geben. Es ist zwar anstrengend nach so einem langen Tag noch auf der Tribüne stehend den Hampelmann zu machen, aber das gehört nun mal dazu und mir würde etwas ganz wichtiges fehlen, wenn ich das nicht miterleben könnte. Kurz nach Beginn des Feuerwerks läuft dann auch der älteste Teilnehmer, der 79-jährige US-Amerikaner Bill Albrecht, ein. Er fällt als letzter mit 17 Stunden und vier Minuten in die Wertung und hat es geschafft: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen. Genauso wie 2042 andere Triathleten an diesem Tag kann er sagen: „I am an ironman“.2006-09-13