Gabriele Rodenbach
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Seit einigen Tagen kreisten die Gedanken von Frau Köhler immer wieder nur um das eine: ‚Weihnachten. Bald ist Weihnachten!’ „Es ist doch ein Fest, wie all die anderen auch“, antwortete ihre innere Stimme. „Kein Grund darüber tiefer nachzudenken oder gar traurig zu werden. Was hast du schon zu versäumen?“ Genau das war der Punkt: Was hatte sie eigentlich noch zu versäumen? Sie war alt und sie war allein.
Manchmal dachte sie darüber nach, was das Schlimmere von beiden war. Alt? Alt zu werden ist doch gut, das wünschen sich doch viele Leute, oder? Alt zu werden in Gesundheit und ohne Gebrechen, der Kopf noch voll fit, das ist eine Gabe Gottes! Und dafür war sie wirklich dankbar. Aber einsam und allein? Das war schon viel schwieriger. Sie wohnte zwar in einem gut geführten Seniorenheim, man kümmerte sich um sie. Sie konnte auch, wann immer sie wollte, heruntergehen und sich zu den anderen gesellen. Karten spielen, fernsehen, Kuchen und Kaffee genießen, reden oder einfach nur da sitzen und dabei sein. Diese Menschen hier waren gleichermaßen gesellig und zugleich einsam. Jeder auf eine andere Art. Frau Köhler seufzte tief.
‚Ja, damals… Damals war alles anders. Mein Mann, Gott hab’ ihn selig, der brachte genau am Heiligabend den Tannenbaum nach Hause. Nicht einen Tag früher! Wie oft hatte sie sich darüber geärgert. So kurz davor gab es meistens keine schön gewachsenen Bäume mehr, eher so unscheinbare und mit wenig Ästen. Aber mit vielen bunten Kugeln und Lametta gelang es ihr immer wieder aus diesem mickrigen Bäumchen eine richtig strahlende Weihnachtstanne zu zaubern. Es gab so vieles zu tun an solch einem Tage! Die Geschenke mussten verpackt und unter den Baum gelegt werden, die Wohnung noch einmal durchgeputzt und auf Hochglanz gebracht und natürlich das Essen vorbereitet werden.
Ja, das Essen war seit Generationen eine Tradition, auf die sich schon alle freuten. Als Vorspeise gab es eine klare Suppe und dann kam der Hauptgang: Karpfen in brauner Butter gebraten! Knusprig und einfach lecker! Allein bei dieser Erinnerung lief ihr die Spucke im Mund zusammen. Dazu Kartoffeln, geschmortes Sauerkraut, nach einem alten Familienrezept so wie nur sie es zubereiten konnte, und als Nachspeise Eis mit Früchten. So hatten sie es gehalten. Jahrzehnte lang.
Sie konnte sich so gut an diesen Moment erinnern, dass sie glaubte, den Geruch des Essens wahrzunehmen. Plötzlich zog ein warmer Bratenduft durch ihr kleines Zimmer, füllte es mit Zimt und Vanille auf, Musik war zu hören und die Stimmen ihrer Kinder drangen an ihr Ohr. Die alte Frau Köhler schloss die Augen. Sie wollte so gern noch einmal dieses wunderbare Gefühl der Vor-Freude nachempfinden. Sie erlaubte sich selbst sich zu erinnern, einfach sentimental zu werden. Sie schloss ihre Augen und sah sich wieder in der Küche.
In den Zeiten nach dem Krieg war es manchmal recht schwierig einen Karpfen zu bekommen. Doch ihr Mann kannte viele Leute und war in dieser Hinsicht ein wahrer Meister. Schon zwei bis drei Tage vorher (anders als beim Tannenbaum) besorgte er die zwei Fische und ließ sie in der Zinkbadewanne schwimmen. Damit die es auch gut hatten, lagen ein paar Stücke Kohle drin. Wir wussten zwar alle nicht genau, warum diese hinein sollten, aber der Händler bestand darauf. Die Kinder saßen oft am Wannenrand und beobachteten sie. Eines Tages waren sie dann verschwunden. Heimlich hatte der Vater sie für das Essen „vorbereitet“. Am Heiligabend sagte er regelmäßig: „Schöne Grüsse von den Weihnachtskarpfen. Sie sind wieder zurück und freuen sich mit euch auf Weihnachten.“ Die Kinder nickten. Sie waren noch klein und viel zu aufgeregt, um die zarten Filets mit den großen dunklen Fischen in Verbindung zu bringen. Später, als sie größer wurden, da haben alle zusammen über diese „Grüsse vom Weihnachtskarpfen“ gelacht.
Frau Köhler sah ihre Tochter und ihren Sohn, wie sie vorsichtig die Fischstückchen beäugten, bevor sie sie in den Mund schoben. Sie lächelte. Stunden zuvor hatte sie bereits mit flinken Fingern alle Gräten, die sie sehen und fühlen konnte, entfernt. So konnte nichts mehr passieren und sie genoss die dankbaren Blicke ihres Mannes. Die Stimmung am Tisch war locker und doch feierlich. Am Ende des Abendessens reichten sich alle die Hände und der Vater sprach ein Dankesgebet; alle anderen fielen in seine Worte ein. So wollte es der Brauch. Sie waren zwar keine fleißigen Kirchengänger, aber das hatte ja auch nichts mit dem Glauben zu tun. Das hier war was Besonderes und ein Mal im Jahr sollte man inne halten, Nachdenken und dankbar sein. Für all das hier. für die Familie, die Freunde, den gedeckten Tisch, das Lachen in der Seele… Sie dachte an den festen Händedruck ihres Ehemannes, an die glücklichen, vor Erwartung geprägten Gesichter ihrer beider Kinder. Durch ihre geschlossenen Augen liefen Tränen herunter. ‚Jetzt wird bloß nicht rührselig’, ermahnte sie sich selbst.
Ihre Gedanken kehrten jedoch sofort zurück zu diesen Bildern. Sie hörte, wie der Vater leise das Glöckchen in der guten Stube läutete und alle wussten: Das Christkind war gekommen! Die Kinder öffneten vorsichtig die Tür und blieben stumm und ehrfürchtig vor dem Christbaum sehen. „Oh, ist der schön! Und wie der glitzert!“ Sie hielten sich an den Händen und waren ganz im Bann des wunderschönen Baumes gefangen. Der Vater hatte eine Schallplatte aufgelegt und eine süße, schwere Musik erfüllte den Raum: „Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit…“ Wie wahr!
Frau Köhler konnte nicht anders: Erneut flossen die Tränen über ihr Gesicht. Glückliche Tränen über eine glückliche Erinnerung. Ja, sie wollte dankbar sein. Dankbar für all das, was sie erleben durfte. Für das kleine und das große Glück. Ihr Mann war längst verstorben, das Schicksal wollte es so. Sie hatte lange gebraucht, um ohne Schmerz wieder atmen zu können, doch sie hatte es geschafft. Ein paar Jahre zuvor mussten sie noch gemeinsam das schlimmste Leid erfahren, dass Eltern widerfahren kann: Sie trugen ihre junge Tochter zum Grab. Es war ihr nicht vergönnt ein Leben zu vollenden, die Traditionen fort zu setzen, die Eltern alt werden zu sehen. Gut, dass sie dieses nicht allein ertragen musste. Auch dafür war sie heute dankbar.
Sie hatte ja noch einen Sohn, den sie behalten durfte. Er machte, wie man so schön sagt, Karriere und sie war stolz auf ihn. Die Firma, bei der er arbeitete setzte große Hoffnungen und Erwartungen in ihn; er wurde in die Hauptfiliale nah New York versetzt. Damals freute sie sich für ihn und nahm strahlend alle Gratulationen der Nachbarn entgegen. Heute entgegen wünschte sie sich manchmal heimlich, er wäre nicht so tüchtig gewesen…, dann wäre er noch hier, bei ihr in Dormagen. Aber solche Gedanken erlaubte sie sich nur ganz selten, zur Weihnachtszeit eben.
Frau Köhler schaute aus dem Fenster. Die Bäume bogen sich im Wind, der Regen peitschte sie durcheinander. Von einer „weißen Weihnacht“ keine Spur. Egal. Sie lächelte versonnen in sich hinein. Egal. Was sollte sie denn mit dem Schnee anfangen? ‚Ich werde mich gleich festlich anziehen und dann hinunter in den Speisesaal gehen’ dachte sie. Es wird – nach einem rheinischen Brauch - Kartoffelsalat mit Würstchen geben. Auch eine Tradition, nur eben eine andere.
Gerade als sie zur Tür gehen will, klopft es. „Moment bitte!“ Sie öffnet und ein junger Mann mit einer Kochmütze auf dem Kopf hält ihr ein Tablett entgegen. Sie schaut ihn an: „Für mich?“ fragt sie ungläubig. Er nickt. Auf dem Tablett steht ein Teller bedeckt mit einer silbernen Haube, daneben eine Flasche Champagner. „Schöne Grüsse von ihrem Sohn, Frau Köhler. Er kann zwar nicht persönlich kommen, schickt aber dafür das hier.“ Er hebt die Silberhaube hoch und ein köstlicher Duft von einem in Butter gebratenen Karpfen erfüllt das Zimmer. Der Koch stellt das Tablett vorsichtig auf den Tisch und legt ein Kuvert daneben. „Für Sie!“ Er wartet erst gar nicht die Reaktion der Frau ab, er ist selbst viel zu aufgewühlt und bemüht, Fassung zu wahren. Solche Aufträge hat er nicht alle Tage.
Die alte Frau öffnet langsam das Kuvert und zieht eine Karte heraus. „Liebe Mutti!“, liest sie, „in Gedanken sind wir bei Dir und halten uns an den Händen fest. Wir vermissen Dich sehr. In Liebe Dein Sohn Robert mit Familie.“
Sie dreht die Karte um. Es ist ein Photo von Robert, seiner Frau Anni und den beiden Töchtern Sandra und Sylvia. Sie halten sich an den Händen und bilden einen Kreis um den runden Tisch. Hier muss Frau Köhler nun doch laut lachen: Mitten auf dem Tisch steht eine Platte mit einem dicken, großen Karpfen darauf. In seinem Maul steckt ein Zettel: „Schöne Grüsse vom Weihnachtskarpfen!“ Ein paar Sonnenstrahlen blitzen plötzlich durch das Fenster herein und durchfluten ihr Herz. Sie fühlt sich leicht und glücklich. Frau Köhler hebt das Bild fröhlich an ihre Lippen und flüstert: „Guten Appetit meine Lieben! Lasst es Euch ebenfalls schmecken!“ und setzt sich an den gedeckten Tisch.2006-12-19