Portal Dormagen 09.09.2010 - 17:01 Uhr
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Dormagener Geschichten und Gedichte


Seltsames aus dem Tannenbusch (1)

Gabriela Rodenbach
www.gabriela-rodenbach.de

Foto Was für ein Tag! Ich schaute aus dem Fenster und schüttelte mich. Der Himmel Grau in Grau und keine Sonne in Sicht. Ich hatte zwei Möglichkeiten: mich weiterhin in den Winterblues hinein sinken zu lassen, sprich, meine düsteren Gedanken pflegen oder einfach aufzustehen und hinauszugehen. Ich entschloss mich für das zweite.

Da ich mitten in der Stadt wohne und mir wahrlich nicht nach Menschenmassen war, fuhr ich mit dem Auto los, einfach so ins Blaue, wobei hier besser der Ausdruck „ins Graue“ angebracht war. Als ich nach einiger Zeit endlich stoppte, sah ich mich etwas irritiert um: Ich war im Tannenbusch Park gelandet. Hier war ich eine Ewigkeit nicht mehr. Kindheitserinnerungen stiegen in meinem Kopf hoch und ich lächelte versonnen. Eine imposante Steinansammlung weckte mein Interesse, „Geopark“ stand auf dem Eingangsschild. Ich bin zwar schon öfter achtlos an ihm vorbei gegangen, aber so richtig angesehen habe ich ihn mir noch nie. „So“, dachte ich, „heute ist Deine Chance, Geopark. Mal sehen, was Du zu bieten hast.“ Ich spazierte zwischen den Steinen, las die diversen Beschriftungen und schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Ich setzte mich mit einem stillen, zufriedenen Seufzer auf eine Bank. Schön war es hier. Und so friedlich. Wo findet man noch solch einen Ort?

Meine Gedanken beruhigten sich, sie kreisten nicht mehr um das Hauptthema Weihnachten. Die endlose Kette mit Wortfetzen wie: Habe ich auch alles, eine Kleinigkeit noch für Onkel Anton fehlt. Und die Gans, wie lange musste die nochmals im Ofen bleiben? Ach ja, das Gästezimmer herrichten und nicht vergessen, dass Monika nur vegetarisch isst. Ihre neueste Masche. Langsam relativierte sich alles und ich wurde ganz ruhig. Ich saß einfach nur da, mit geschlossenen Augen und dachte an nichts. Auch wenn das angeblich nicht geht, so kann man es wenigstens versuchen.

Aus dem Nichts kristallisierte sich ein Gedanke heraus: Was ist los mit mir? Was wünsche ich mir eigentlich so sehr und das nicht nur zur Weichnachten? Ich wusste es nicht … Es dauerte schon ein wenig, bis ich plötzlich eine Vision hatte. Ich suchte fieberhaft in meiner Handtasche nach einem Notizblock, den ich eigentlich für vermeintliche „Gedankenblitze“ fast immer bei mir trug. Zum Glück auch diesmal. Ich schrieb in hektischer Schrift meinen Wunsch auf, faltete den Zettel zusammen und hielt ihn fest in der Hand. Ja, das ist es, was ich wirklich will.

Ich schaute mich um und ein mittelgroßer Stein fiel mir ins Auge. Er war nicht besonders schön oder wertvoll. Er erzählte nur eine Geschichte, seine Geschichte. Ich hob ihn an und schob meinen Zettel darunter. Zufrieden und leise lächelnd fuhr ich nach Hause.

Nach ein paar Tagen hatte mich die Hektik eingeholt und von meiner inneren Zufriedenheit fand ich keine Spur mehr. Als eines Morgens fast alles schief ging und ich kurz davor stand, meine Lieben umzubringen, knallte ich die Haustür zu und setzte mich ins Auto. Ich wollte nur noch weg! Nach ein paar Sekunden wusste ich auch wohin: Das Auto fuhr, wie von Geisterhand geführt, zum Tannenbusch.

Kurze Zeit später saß ich wieder auf ‚meiner“ Bank. Zum Glück war ich allein. Ob der Zettel noch da liegt? Vorsichtig hob ich den Stein an und schaute darunter. Ich sah etwas und doch konnte es nicht mein Zettel sein, der war weiß und klein. Jetzt lag da ein Stück Silberfolie. Ich erstarrte. Was sollte das denn? Unsicher blickte ich mich um: Niemand zu sehen. Ich zog das Stück Silberfolie unter dem Stein hervor. Erst jetzt sah ich, dass es gefaltet war. Es fügte sich gut in meine Handfläche ein. Ich öffnete es vorsichtig und glaubte meinen Augen nicht: Innen drin lag ein Blatt Papier. Es war nicht meins. Ich begann zu lesen.

„Hallo Du!
Du willst Dein Leben ändern? Du findest alles, so wie es ist, langweilig? Nur zu! Hast Du Mut oder sind es nur Worte auf Papier? Es liegt bei Dir. Mach den ersten Schritt: Gehe zum Kloster Knechtsteden, in die Basilika. Besuch dort die Ausstellung. Mach die Augen auf. Weit.“

Ich saß, im wahrsten Sinne des Wortes, wie versteinert da. Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf! Jemand muss mich beobachtet haben. Jemand erlaubt sich einen Scherz mit mir. So eine Gemeinheit. Tränen der Wut stiegen in meine Augen und doch konnte ich nicht den einen Gedanken unterdrücken: Und wenn es doch ein Wink ist…? Um das herauszufinden war nur eins nötig. Ich stand auf und fuhr los, Richtung Basilika, Kloster Knechtsteden.

Dieses Kloster hatte mich schon immer fasziniert. Es strahlt so eine Gelassenheit und Ruhe aus. Die imposanten Mauern erzählen schon Jahrzehnte lang Geschichten, die wir niemals erfahren werden, es bleibt ihr Geheimnis. Und doch, sobald man diese Kirche betritt, fühlt man ganz deutlich, dass es ein besonderer Ort ist. Ein Ort der Kraft.

Die Kirche empfing mich mit leiser Orgelmusik und dem undefinierbaren Duft aus Myrre und Weihrauch. Ich blieb einen Moment stehen und ließ mich von der Atmosphäre verzaubern. Schließlich ging ich doch auf die linke Seite und öffnete die schwere Tür. Ein Plakat an der Wand verkündete mir, was mich erwarten wird: XXII Basilika-Ausstellung Knechtsteden ‚Das Gebet’. Bin mal gespannt. Das helle Foyer, in dem sich die Ausstellung befand, war leer. Ich blieb vor dem ersten Bild stehen und las die Beschreibung. Die Künstler setzten sich mit diesem Thema auf verschiedene Weise auseinander.

Ich schlenderte zwischen den Ausstellungsstücken und doch konnte ich mich nicht richtig auf diese konzentrieren. Ich suchte nach…, ja, nach was suchte ich eigentlich? Ich nahm den Zettel aus der Silberfolie heraus und las ihn noch ein Mal. Doch ich konnte keine neue Erkenntnis gewinnen. So lehnte ich mich an die Wand, in der Mitte des Raumes und ließ meinen Blick schweifen. Ja, die Bilder haben schon eine eigene Sprache. Vorsichtshalber sah ich jedes noch ein Mal ganz genau an. Das hier, mit der Spirale in den faszinierenden Farben und dem sinnigen Titel „Beten ohne Unterlass“ könnte mein Lieblingsbild werden. Ich sah nach unten und betrachtete den Boden. Nichts war zu sehen.

Ich verließ das Foyer und betrat wieder die Kirche. Die Ausstellung zog sich weiter in das Gewölbe neben dem Altar. Ich ging die Stufen hinunter und schaute mir auch diese Bilder an. Mein Blick folgte der rechten Wand, dann der Decke und wieder zurück zur linken Wand. Und plötzlich sah ich ihn; einen grauen Stein in der linken Ecke. Mein Herz fing an zu pochen. „Nur ruhig, es ist nur ein Stein“, sagte mein Verstand. Doch meine Hände griffen bereits nach ihm und hoben ihn hoch. Tatsächlich; darunter lag ein Stück Silberfolie! Mit zitternden Händen öffnete ich den Zettel.

FF: Fortsetzung folgt.

2008-01-16

 

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