Portal Dormagen 08.09.2010 - 02:47 Uhr
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Dormagener Geschichten und Gedichte


Seltsames aus dem Tannenbusch (2)

Gabriela Rodenbach
www.gabriela-rodenbach.de

Foto Ich weiß nicht, wie lange ich da stand, in diesem kleinen Gewölbe in der Basilika Knechtsteden. Den halb geöffneten Zettel hielt ich immer noch in der Hand; ich traute mich nicht ihn zu lesen. In der Kirche war es still, die Orgelmusik verstummt. Ich hielt meinen Blick krampfhaft geradeaus gerichtet. Das große Bild, das mich so sehr beeindruckte, nahm ich nur noch verschwommen wahr.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, die Wand beginne sich zu teilen. Als ob jemand mit einem spitzen Messer die leicht vereiste Wasseroberfläche einritzt, so fing an, diese Wand langsam zu splittern und glitt auseinander. Ich sah eine Waldlandschaft. In der Mitte schlängelte sich ein breiter Weg, der immer schneller und schneller wurde. Rechts und links wurden Wiesen erkennbar, die Blumen darin sahen traurig aus und verdorrt aus. Plötzlich hörte der Weg abrupt auf. Nun lief das Ganze rückwärts; der Weg bewegte sich nun rasend schnell auf mich zu. Kleinere Hügel wurden sichtbar, Schrifttafeln, die wie Grabsteine aussahen. Ein Wind hob an und legte sich wie Staub über das Ganze; ich konnte nichts mehr erkennen. Die zwei getrennten Wände glitten aufeinander und schnappten leise zu.

Ich stand da und blinzelte ein paar Mal. Was war das nun gewesen? Eine Halluzination? Jetzt nur nicht durchdrehen! Ich ging auf die Wand zu und klopfte erst zaghaft und dann immer stärker auf sie ein. Was erwartete ich eigentlich? Eine versteckte Tür dahinter, die sich plötzlich dreht? Einen geheimen Eingang? So etwas gibt es oft in alten Häusern, warum nicht auch hier, in diesem Kloster? Doch nichts rührte sich. Ich zuckte mit den Schultern und kam mir langsam albern vor.

Ich schaute auf den kleinen Zettel in meiner Hand. Den wollte ich ganz in Ruhe lesen und ging in den kleinen, separaten Raum neben dem Gewölbe. „Ort der Ruhe und Gebete“. In dem halbdunklen Licht sah ich den Text. „Deine Suche hat begonnen“ stand darauf. „Wie lange sie dauern wird, bestimmst Du allein. Du kannst jederzeit aussteigen und das hier beenden. Der alte Friedhof vor der Kirche ist Dein Ziel. Schau Dir das letzte Grab in der 4-ten Reihe rechts gut an. Dies ist der zweite Schritt auf Deinem neuen, unbequemen Weg. Ich frage Dich nochmals: Hast Du den Mut ihn zu betreten?“

Ich atmete tief durch. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht, nicht in diesem Augenblick. Hatte ich das wirklich hier gewollt? Hatte ich den Mut, mich auf dieses absurde Abenteuer einzulassen? Doch andererseits, es war ich selbst gewesen, die sich in einem Zettel beklagt hatte, wie eintönig mein Leben verlief. Hier war die Antwort oder gar eine Chance, es zu ändern. Zweifel stiegen in mir hoch; und was ist, wenn ein geistig Verwirrter sein Spiel hier spielt? Ich las den letzten Satz nochmals: „Hast Du Mut ihn zu betreten?“ Innerlich nickte ich.

Als ich aus der Kirche herauskam, war es bereits dunkel geworden. Ich war erleichtert: In der Dunkelheit konnte man nichts sehen, also konnte ich mir den Weg zum Friedhof sparen. Ich lief zu meinem Auto und fuhr nach Hause.

Am nächsten Tag war Heiligabend und alles drehte sich um den Weihnachtsbaum, die Geschenke, das Essen. Meine Familie war komplett angereist und sorgte für viel Freude und Aufregung und natürlich dafür, dass ich keine Zeit mehr fand, zum Klosterfriedhof zu fahren. Im Unterbewusstsein dachte ich fast ständig an den merkwürdigen Zettel. Tagsüber gelang es mir, ihn zu vergessen oder zu ignorieren, doch sobald Ruhe in meinem Kopf einkehrte, stand er wieder vor meinem geistigen Auge. Erst am Samstag, dem letzten in diesem Jahr, fand ich Zeit Einkaufen zu fahren. Das sagte ich meiner Familie und hoffte, dass niemand auf den Gedanken kommt, mich zu begleiten. Die halbherzige Frage meiner Nichte, die fasziniert auf den Bildschirm starrte: „Brauchst Du Hilfe“, habe ich ganz schnell verneint. Sie war nicht böse darum.

Ich fuhr zum Einkaufscenter, packte die paar Sachen, die auf meinem Zettel standen schnell in den Wagen und reihte mich ungeduldig in die Reihe vor der Kasse. Plötzlich hatte ich es sehr eilig. Eine innere Unruhe erfasste mich und ich musste mich zwingen, den alten Mann vor mir nicht anzuschubsen, damit es schneller ging. Er hatte – im Gegensatz zu mir – die Ruhe weg. Endlich saß ich im Auto und fuhr zum Kloster Knechtsteden.

Der alte Friedhof lag still und abseits jeder Hektik im kalten Sonnenschein. Vorne rechts hing ein Schild und ich las: „Auf den Kreuzen der Ordensmitglieder steht die lateinische Abkürzung F.C.S. für Eifer, Liebe, Hingabe. Es waren die letzten Worte vom Klostergründer Pater Libermann.“ Schöne Worte. Ich ging direkt zu dem mir beschriebenen Grab; das letzte in der vierten Reihe. Ich stand davor und mühte mich, irgendetwas Spektakuläres zu entdecken. Nichts, nichts Besonderes war zu sehen.

Ich umkreiste das Grab. Vielleicht ist es die Steinplatte? Das schwere Kreuz trug die Inschrift: „F.C.S. Bruder Martinian Reuter, geboren 1865, gestorben 1931.“ Ich versuchte sie anzuheben, doch sie ließ sich nicht bewegen. Hier ist seit Jahren niemand dran gewesen. Die Erde war ganz fest und die Pflanzen auf dem Grab haben sich dem Frost ergeben. „Was soll ich hier?“, dachte ich enttäuscht. Ich zog eine dieser Pflanzen hoch, doch die wollte nicht aus der Erde heraus. Ich probierte die nächste; nichts rührte sich. Doch hier, die Dritte, eine Art Silber-Erika, kam schwungvoll samt Wurzeln raus. Ich betrachte sie von allen Seiten und legte sie dann ab. In dem Loch, das die Pflanze hinterließ, sah ich etwas liegen; ein schwarzes, kleines Kästchen!

Ich nahm es heraus, machte es auf und glaubte meinen Augen nicht: Ein goldenes Medallion mit einer zierlichen Kette lag darin. Vorsichtig nahm ich es in die Hand. Die Vorderseite zeigte seltsame Zeichen, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Wo habe ich so etwas bereits gesehen? Ich war so aufgeregt, dass ich mich nicht erinnern konnte. Auf der Rückseite war eine Widmung eingraviert: „Für Emily“, stand darauf. Wer ist oder war Emily? Und was hatte Bruder Martinian damit zu tun? Ich blickte mich um, doch ich war immer noch allein auf diesem Friedhof. Ich steckte das Kästchen mit dem Medallion in meine Handtasche und „pflanzte“ dann die Blume wieder ein. Die Spuren beseitigte ich sorgfältig.

Zu Hause suchte ich erstmals ein sicheres Versteck für dieses Medallion. Ich wollte mit niemanden darüber reden, ein unerklärliches Gefühl hielt mich davon ab. Als ich es ein paar Tage später wieder betrachtete, wusste ich plötzlich, was diese Zeichen auf der Vorderseite bedeuten: es war die Abbildung eines Maya-Kalenders, auch bekannt unter dem Namen „Azteken-Zeit“. Ich holte mir meinen Mexiko-Band, den ich vor vielen Jahren auf einer der Reisen dahin gekauft hatte und schaute nach. Ja, ich hatte Recht: Es war die genaue Abbildung dieses Kalenders! Wer wollte mir damit etwas sagen?

Schon am nächsten Tag war ich wieder im Tannenbusch. Ich saß lange auf der Bank im Geo Park und schaute – wider besseren Wissens – ein paar Mal unter „meinen“ Stein. Doch so sehr ich auch auf ein Zeichen wartete, nichts geschah. Eine Woche verging und ich wurde unruhig. Schließlich konnte ich ja nicht jeden Tag zum Geo Park oder Kloster fahren und dort nach Spuren suchen. Ich beschloss, wieder gelassener und ruhiger zu werden. Die Lösung lässt sich nicht erzwingen, aber irgendwann wird sie schon zu mir kommen.

Und so geschah es. Tage später blätterte ich in unserem Lokalblatt und war wie elektrisiert. In großen Buchstaben prangte mir diese Überschrift entgegen: „Wo ist Emily?“

Fortsetzung folgt.

2008-02-12

 

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